Kolumne

Hightech-Lehrer

Es wird in den letzten Jahren viel geredet und geschrieben von der Medienkompetenz, die Lehrer und Schüler sich aneignen sollten. Doch wie sieht die Realität aus und was kommt noch auf uns zu?
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So mancher stolze Besitzer eines neuen Pkw sucht verzweifelt nach dem CD-Player, den er nicht finden wird. Vielmehr bietet das neue Fahrzeug ihm plötzlich ein multimediales Infotainmentsystem: Sprachsteuerung, Touchscreen, Freisprecheinrichtung, und sogar der Zugriff auf Smartphone-Apps ist möglich. Bremsautomatik, Spurhalteassistent, Einparkhilfe, Reifendruckwarner und eine Müdigkeitserkennung vervollständigen das Hightech-Auto. Am liebsten würde er das Fahrzeug wieder zurückgeben, weil ihn die neuen Funktionen total überfordern.

So mancher Lehrer befindet sich in einer ähnlichen Situation. Die Tafel, die Kreide und der Overheadprojektor genügten ihm viele Jahre, um einen guten Unterricht zu gestalten. Doch plötzlich wird er überrollt von der digitalen Welt. Selbst DVD, CD-Player und USB-Sticks sind auslaufende Medien und sollen bald nicht mehr zur Verfügung stehen. Plötzlich werden Daten in einer Cloud abgespeichert, und keiner kann ihm sagen, wo das genau ist. Irgendwo im Niemandsland. Nur dass die Amerikaner seine Unterrichtsvorbereitungen oder Klassenarbeiten dann plötzlich lesen könnten, das hat er irgendwo gehört. Beamer, Dokumentenkamera, iPad und Computer, interaktives Whiteboard, Lernplattformen wie Moodle, E-Books und E-Learning-Tools sollen in Zukunft im Unterricht zum Einsatz kommen. Lerninhalte werden dann digital mithilfe mobiler Geräte wie Smartphone oder Tablet vermittelt. Die Schule 2.0, so sehen es Lern-Visionäre, wird ein digitales Klassenzimmer.

Aber immer mit der Ruhe, denn das ist noch alles keine Realität, und von der digitalen Schule sind wir noch weit entfernt. Viele Schulen leben eher noch in der medialen Steinzeit. Die viel beschworene „digitale Revolution“ scheitert an der mangelnden technischen Ausstattung, dem langsamen Internet oder an der fehlenden Motivation der Lehrkräfte. So rufen der Einsatz von iPad & Co. oder die Nutzung sozialer Netzwerke im Unterricht immer wieder die Bedenkenträger und Panikmacher auf den Plan.

Sicher kann eine digitale Schultasche rückenschonend sein und das Lernen attraktiver und motivierender machen. Doch es bedarf einiger grundlegender Voraussetzungen, um das mediale Zeitalter in Schulen behutsam einzuläuten. Weniger die Schüler, sondern vor allem Lehrer müssen für den Einsatz neuer Medien geschult werden. Die Lehreraus- und -fortbildung muss die Pädagogen intensiv auf die digitale Zukunft vorbereiten. Auch medienpädagogische Konzepte müssen überarbeitet und an die Gegebenheiten angepasst werden. Nur so können Lehrer in Zukunft ihren Schülern den verantwortungsvollen Umgang mit neuen Medien näherbringen.

Bewahren Sie also die Ruhe und zeigen Sie Geduld! Bleiben Sie ein lernender und experimentierender Lehrer, der mit Interesse die neuen Möglichkeiten erprobt.

Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten viele technische Neuerungen miterlebt und die Versuche, diese in den Unterricht einzubinden. Ich erinnere mich an den 16-mm-Filmprojektor, vor dem Kollegen verzweifelt standen, um die riesige Filmspule einzufädeln. Und wieder einmal hat die Audiokassette im Sprachlabor einen Bandsalat verursacht, mühsam muss das Band wieder aufgerollt und repariert werden. Eine besondere Herausforderung für mich waren die vielen Kassettenformate der Camcorder (VHS, VHS-C, S-VHS, 8 mm, Hi8, DV, MiniDV usw.) und das Digitalisieren alter analoger Medien. Aber das gehört alles bereits der Vergangenheit an.

Heute versuche ich, Lehrern zu vermitteln, wie man ein Smartphone mit einem Bluetooth-Lautsprecher verbindet, wie man ein Erklärvideo oder ein Podcast produziert und wie man sich in der Informationswüste des Internets zurechtfinden kann.

Es bleibt spannend in der Welt des virtuellen Klassenraums. Und trotzdem ist die Gestaltung eines ansprechenden Tafelbildes immer noch eine große Herausforderung.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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