Gespräche

Was Sie über Ihre Schüler wissen sollten ... oder besser nicht?

Sie sitzen im Lehrerzimmer über den Heften der Schüler und wundern sich, dass alle Schüler einen bestimmten Aufgabentyp nicht bearbeiten können. Da kommen zwei Kollegen hinein und bemerken Ihre Verwunderung. Die eine Kollegin sagt Ihnen, dass die Klasse im letzten Jahr viel Unterrichtsausfall in dem Fach hatte, weil ihr Vorgänger über längere Zeit aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen ist. Der andere Kollege zieht ungefragt ein Heft aus Ihrem Stapel heraus, das ein paar Eselsohren hat, schüttelt den Kopf und sagt „Kein Wunder bei dem Vater!“
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Natürlich sind diese beiden Aussagen zwar gut verwertbar, aber andererseits mit Vorsicht zu genießen. Sie werden mit der Zeit lernen, dass unterschiedliche Personen Ihnen gegenüber verschiedene Aussagen machen. Sie sollten sich gut überlegen, welche der Informationen Sie verwenden.

Sicher, es ist sinnvoll, dass Sie sich kundig machen, welche Informationen Ihre Kollegen schon über Schüler und Lerngruppen haben, doch manches ist unnötig und kann den Schülern sogar schaden. So gehen Sie mit Informationen um:

Lernstand der Klasse

Informieren Sie sich, was die Lerngruppe zuvor gemacht hat. So wissen Sie, worauf Sie aufbauen und was Sie nicht voraussetzen können. Außerdem vermeiden Sie so z. B. Doppelungen. Aufgabentypen können und dürfen Sie natürlich wiederholen und auch auf das Vorwissen sollten Sie zurückgreifen – selbst wenn die Schüler ggf. behaupten, davon noch nie etwas gehört zu haben.

Wird Ihnen jedoch mitgeteilt, dass diese Klasse einfach nur dumm sei und nicht lernen wolle, dann nehmen Sie lediglich die Information zur Kenntnis, dass es in der Vergangenheit ein paar Schwierigkeiten gegeben hat. Sehen Sie es als Herausforderung an und seien Sie ein wenig vorsichtig.

Informationen über einzelne Schüler

Es kann nützlich sein, über einzelne Schüler etwas zu erfahren, z. B. über grundlegende Schwächen. Das ist für Sie einerseits zwar hilfreich, andererseits machen Sie sich dadurch vielleicht auch ein falsches Bild. Behalten Sie die Informationen im Hinterkopf und beobachten Sie den Schüler ganz besonders in den ersten Tagen. Vielleicht hat der Schüler sich auch verändert. Werden Informationen immer unhinterfragt übernommen, dann ist eine Veränderung für den Schüler nahezu unmöglich. Behalten Sie sich vor, sich immer Ihr eigenes Bild zu machen.

Zensuren

Natürlich können Ihnen die Zensuren einen Überblick über den Leistungsstand der Schüler geben, aber es gibt auch andere Möglichkeiten: Bilden Sie sich eine eigene Meinung, indem Sie Ihre Beobachtungen aufschreiben und Ihre Schüler einstufen. Nach vier Wochen vergleichen Sie Ihre Aufzeichnungen mit den vorherigen Benotungen. Bei großen Abweichungen können Sie ein Gespräch mit dem Kollegen suchen. Hören Sie sich an, wie die vorherigen Zensuren zustande kamen. Vielleicht spielen bei manchen Zensuren auch Sympathie und Antipathie eine Rolle – sowohl auf Ihrer Seite, als auch auf der Seite Ihres Kollegen.

Informationen über den Hintergrund

Auf das Lernverhalten von Schülern wirkt eine Menge ein, z. B. Beispiel welche Unterstützung ein Kind im Elternhaus bekommt. Vielleicht bekommt es auch Ärger bei schlechten Zensuren. Versuchen Sie, Informationen zu sammeln, aber sobald dies in Tratsch ausartet, beenden Sie das Gespräch – als Lehrer erfährt man eine ganze Menge Dinge, die so persönlich sind, dass sie nicht weitergetragen werden sollten. Unterscheiden Sie also, was wichtig ist für den Unterricht, und hören Sie weg, wenn über Unwichtiges geredet wird.

Manon Sander hat als Lehrerin an Grund-, Haupt- und Realschulen unterrichtet. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität in Bielefeld und betreut dort die Lehramtsstudierenden im Praktikum. Frau Sander ist außerdem akademische Mitarbeiterin am Institut für Unterrichtsentwicklung an der Pädagogischen Hochschule. Die Mutter von sechs Kindern ist als Autorin für verschiedene Verlage und Magazine tätig.

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