Kolumne

Auch Lehrer haben ein Privatleben

Der Dorflehrer früherer Tage hatte seine Wohnung am Dienstort, häufig sogar im Schulgebäude. Die Menschen hatten ihn stets im Blick, als Pädagoge und als Privatperson. Er war neben dem Arzt, dem Pfarrer und dem Förster eine wichtige Autoritätsperson. Und wie ist das heute mit dem Lehrer? Wie sollte er sich im Privatleben und in der Öffentlichkeit verhalten?
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In meiner Freizeit besuche ich gerne und oft das Fitnessstudio. Kommunikationslose Kraftsportler sind mit ihrem Body-Workout beschäftigt. Gedankenversunken und konzentriert vollzieht sich das Körpertraining. Geredet wird kaum. Nur einige Trainierende tauschen gelegentlich Neuigkeiten aus. Ein herrlicher Rückzugsort für Körper, Geist und Seele. „Sie auch hier!“, höre ich plötzlich eine laute Stimme. Neben mir stehen zwei Schüler, die ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass ihr Lehrer ebenfalls Gewichte stemmt und seine körperliche Ausdauer trainiert.

Ich gehöre nicht zu den Lehrern, die Angst davor haben, ihren Schülern in der Freizeit zu begegnen. Auch heute stehen Lehrer immer noch unter Beobachtung, da sie aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit eine besondere Vorbildfunktion haben. Väter und Mütter vertrauen ihnen schließlich ihre Kinder an. Das soll aber nicht heißen, dass ein Lehrer immer im Dienst ist. Auch er hat ein Anrecht auf ein Privatleben. Er lebt in einer Partnerschaft, hat Kinder und engagiert sich im Vereinsleben. Man trifft ihn an der Theke, beim Straßenfest, im Freibad, in der Sauna, und manche bewegen sich sogar in sozialen Netzwerken. Der Lehrer ist ein Mensch und nimmt teil am öffentlichen Leben. Aber im Unterschied zu vielen Berufen kann sein privates Verhalten Konsequenzen für seine berufliche Tätigkeit haben. Die Schüler nehmen ihn als Privatmensch plötzlich in einer anderen Rolle wahr und lassen dies ggf. sogar in den Unterricht einfließen. („Sie haben aber gestern auf dem Fußballplatz ziemlich laut geflucht!“)

So mancher Referendar oder Junglehrer ist sehr verunsichert bei der Frage, wie er sich im Privatleben und in der Öffentlichkeit verhalten soll. Sie fragen sich, wo ihre Grenzen liegen, was sie dürfen und was sie lieber sein lassen sollten. Denn sie wissen genau, dass alles, was sie sagen und tun, auch in der Schule und im Klassenraum landen kann, im schlimmsten Fall sogar im Internet oder bei der Schulleitung. Und so wünscht sich so mancher angehende Lehrer, weit weg von seinem Schulstandort zu wohnen und möglichst wenige Begegnungen mit Schülern außerhalb der Schule zu haben. Es stellt sich die Frage: Darf ein Lehrer in der Öffentlichkeit alles tun und sagen, wozu er Lust hat? Lehrer haben neben ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag die Pflicht, sich innerhalb und außerhalb des Dienstes vorbildlich und glaubwürdig zu verhalten.  Autorität besitzt ein Lehrer aber nicht nur aufgrund seines Amtes, sondern vor allem auch wegen seines Verhaltens. Das hört sich zunächst schwerwiegender an, als es ist.

Wer sich im Unterricht als Lehrer gegenüber seinen Schülern stets korrekt und respektvoll verhält, braucht sich auch vor einer Begegnung außerhalb des Schulgebäudes nicht zu fürchten. Du solltest also keine Angst davor haben, Schüler an der Discounter-Kasse zu treffen oder wenn du eine Kiste Bier kaufst. Auch dass du bei einem Volksfest einige Biere zu viel trinkst, solange du dein Verhalten unter Kontrolle hast, ist allzu menschlich. Das sind ganz alltägliche Situationen, die dich nicht beunruhigen sollten. Folgenschwerer wäre es allerdings, wenn du als Lehrer in der Öffentlichkeit die Empfindungen Andersdenkender verletzen oder bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen herabsetzen würdest. Aber das ist ein anderes Thema ...

Übrigens treffe ich im Fitnessstudio auch immer wieder ehemalige Schüler. Dabei sind Themen aus Schule und Unterricht dann eher Relikte aus vergangener Zeit, über die man sich durchaus amüsiert unterhalten kann.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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