Kolumne

Berufsschwätzer

Die Kommunikations- und Moderationskompetenz gehört nach wie vor zu den wichtigsten Qualifikationen, die ein Lehrer mitbringen oder erlernen sollte. Trotz der vielen kreativen Gestaltungsmöglichkeiten, die Methoden, Medien und anregende Lernumgebungen bieten, ist der Lehrer nach wie vor in der Gestaltung von Unterrichtsgesprächen gefordert.
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So mancher Beobachter des Zeitgeschehens schüttelt verwundert den Kopf angesichts eines sonderbaren Verhaltens, das hier und da zu beobachten ist. Da sprechen Menschen ungeniert in der Öffentlichkeit mit ihren Smartphones oder Tablets. Siri, Alexa, Cortana und Google now heißen die virtuellen Sprachassistenten, die Sprachbefehle ausführen. „Wie wird morgen das Wetter?“ „Welche Termine habe ich heute noch?“ Siri & Co. verstehen meine Sprache, recherchieren für mich Dinge im Internet und lesen die Ergebnisse ihrer Recherche vor. Sie stellen Telefonverbindungen her oder tragen Termine ein. Und vor allem: Sie widersprechen und kritisieren mich nicht. Sie sind zunehmend lernfähig und verrichten brav ihren Dienst.

Die rasante Entwicklung der digitalen Technik macht auch keinen Halt vor dem Klassenzimmer. Künstliche Intelligenz und digitale Learningtools werden in Zukunft immer mehr die Aufgabe der Wissensvermittlung und der Anregung zum Lernen übernehmen. Ich bin begeistert von den vielen Möglichkeiten, die der Einsatz digitaler Medien im Unterricht bietet. Doch ich sehe auch die Gefahren. Lehrer werden zunehmend degradiert zu Lernbegleitern, die spannende Lernumgebungen schaffen und differenzierte Lernaufgaben stellen. Immer weniger wird es der Lehrer sein, der seine Schüler mitnimmt in die spannenden Geheimnisse der Welt und des Lebens. Der Lehrer, der erläutert, vorträgt, beschreibt, fragt und kommentiert. Diese Aufgabe wird nach und nach automatisiert. „Siri, übernehmen Sie!“

Zugegeben: Unterrichten ist kompliziert geworden angesichts der vielfältigen Anforderungen und der veränderten Rahmenbedingungen. Und so haben die Kriterien für guten Unterricht vielerorts einen fast dogmatischen Charakter und werden von den Lehramtsanwärtern und Referendaren wie ein Mantra heruntergebetet: didaktisches Konzept, Kompetenzorientierung, Klarheit & Struktur, Heterogenität, aktivierende Unterrichtsgestaltung, Klassenmanagement, Schülerorientierung, Förderung der Lernbereitschaft, Diagnose, Beratung, Leistungsfeststellung. Nur keinen Fehler machen! Alles beachten! Nichts vergessen!

Und genau hier greift das, was wesentlich ist, wenn es um Lehren und Lernen geht. Der Lehrer, der sich seinen Schülern zuwendet, sie als Personen wahrnimmt, sie persönlich fordert und fördert. Und da werden die pädagogischen und didaktischen Prinzipien und vielfältigen Methoden und Medien auf einmal zweitrangig.

Der Lehrer als Mensch und Gesprächspartner wird plötzlich wichtig. Er fragt, beschreibt, erklärt, kommentiert, hört zu, fasst zusammen, gibt einen Ausblick, ermuntert und hinterfragt. Und dabei zeigt er sich nicht nur als Persönlichkeit, sondern als Fachmann und Pädagoge.

„Du bist doch ein Berufsschwätzer!“ Diese nicht unbedingt mit Bewunderung verbundene Äußerung kennen viele Lehrer. Das hat vor allem mit dem traditionellen Lehrerbild zu tun, bei dem das Lehren und Belehren im Vordergrund steht. Ein Lehrer redet, und vor allem redet er viel. Dieses Klischee mag bei einigen Lehrern zutreffen, und es zeigt auch deutlich, was nicht nur Fachleute, sondern vor allem auch Schüler und Eltern von Lehrern erwarten. Miteinander reden, Unterrichtsgespräche professionell gestalten, moderieren und Gespräche leiten sollten zu den Grundfertigkeiten eines Lehrers gehören. Und das lässt sich auch außerhalb des Klassenraumes wunderbar üben.

„Hey Siri! Was ist der Sinn des Lebens?“ Mit dieser Frage will ich meine digitale Assistentin herausfordern. Die prompte Antwort: „Ich finde es interessant, dass du diese Frage einem nicht lebenden Wesen stellst.“ Wenigstens habe ich Siri mal ihre Grenzen aufgezeigt!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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