Kolumne

Emotionale Dummheit

Der kompetenzorientierte Unterricht erweitert das Lernen auf einem breiten, ganzheitlichen Fundament. Faktenwissen ist wichtig, doch damit sich ein Mensch in dieser immer komplizierter werdenden Welt zurechtfinden kann, muss er sich auch andere Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen.
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„Wie geht es Ihnen, Herr Thömmes? Ich hoffe, Sie hatten ein schönes Wochenende?“

Ich mag es, wenn Schüler freundlich und nett sind. Das ist auch ein Grundprinzip meines pädagogischen Handelns.

Doch der oben genannte Schüler war noch nicht fertig. Stolz und selbstbewusst ergänzte er seine Frage mit der Aussage: „Sehen Sie, ich bin intelligent, emotional intelligent!“

Der Schüler hatte verstanden und hoffentlich auch verinnerlicht, was wir in einer vorausgehenden Unterrichtsstunde besprochen hatten. Ich hatte es mit der Kopfstandmethode versucht und den Schülern erklärt, dass es dumme Menschen gibt. Gemeint waren damit nicht Menschen, die über wenig Fachwissen verfügen. Ich erläuterte mein Anliegen. „Ich meine damit Menschen, die emotional dumm sind.“ Die Schüler hatten schnell verstanden, was ich damit ausdrücken wollte und beschrieben vielfältige Beispiele aus ihrem alltäglichen Leben: „Das sind Menschen, die nicht zuhören können, die alles falsch verstehen, die unfreundlich sind und keinen Respekt zeigen, die ständig provozieren, die immer nur ihren Vorteil suchen ...“

Und nun kam der Trick mit dem Kopfstand. Wir formulierten die Frage einfach ins Gegenteil. „Wie verhalte ich mich, wenn ich emotional intelligent bin?“ Es sprudelte nur so aus den Schülern heraus: „Wenn ich wütend bin, schlafe ich zunächst eine Nacht darüber.“ „Ich höre zu und versuche, meinen Gesprächspartner zu verstehen, damit es keine Missverständnisse gibt.“ „Ich bin höflich und geduldig.“ „Ich versuche, mich in die Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen.“ „Ich respektiere es, wenn jemand eine andere Meinung hat.“

Gemeinsam überlegten wir, was mit emotionaler Intelligenz gemeint sein könnte, wie sie konkret aussehen kann. Es geht zunächst darum, die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und sie zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort klug einzusetzen. Dadurch bin ich meinen Gefühlen und Stimmungen nicht hilflos ausgeliefert. Und ich kann mich in andere Menschen hineinversetzen, mich auf ihre Emotionen einlassen und angemessen darauf reagieren. So mache ich mir und meinen Mitmenschen das Leben viel einfacher. Wie gut ich mit mir selbst und anderen Menschen klarkomme, hängt davon ab, wie ich Beziehungen aufbaue und wie ich sie gestalte.

Und wir sprachen ebenfalls darüber, dass es noch weitere Formen von Intelligenz gibt: z. B. körperliche, soziale, sprachliche, räumliche oder existenzielle Intelligenz. Auch handwerkliches Geschick, Kreativität und Einfallsreichtum können zu den Stärken und Begabungen eines Menschen gehören. Dies könnte doch alles in der Schule unterrichtet werden, meinten die Schüler.

Beeindruckend war für mich, dass die Schüler am Ende der Unterrichtsstunde beschlossen, in Zukunft intelligent miteinander umzugehen. Denn emotional dumm wollte keiner sein.

Erstaunt sprach mich auch der Klassenlehrer an. „Was hast du mit meiner Klasse gemacht? Die sind plötzlich alle so freundlich.“

Selbstbewusst entgegnete ich ihm: „Die sind nun mal alle sehr intelligent!“

Ich glaube, so richtig hat er meine Antwort nicht verstanden, denn er blickte mich recht sonderbar an. Aber ich bin stolz auf meine Schüler, von denen einige es verstanden haben und andere es hoffentlich erahnen, dass es mehr braucht als das schulische Lehrplanwissen, um im Leben zufrieden zu werden.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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