Kolumne

Frühstückszeit

„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir" lautet der bekannte und viel zitierte Satz des Philosophen Seneca, womit er die Lebensferne der damaligen Philosophieschulen kritisieren wollte. Diese Aussage ist auch heute noch zeitgemäß, wenn es um die Frage geht: Soll ich als Lehrer in meinem Unterricht auch Lebenswissen vermitteln?
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Gerne nutze ich die Zeit vor den Weihnachts- oder Sommerferien, um mit den Schülern zu frühstücken. Planung und Organisation überlassen ich dann den Schülern, da dabei wichtige Kompetenzen entwickelt werden können. Wer bringt was mit? Woher bekommen wir Teller und Besteck? Brauchen wir Gläser oder Tassen? Wie stellen wir die Tische? Meist funktioniert es ganz gut, gelegentlich bin ich aber erschrocken über die Inszenierungen der Schüler. So bestand vor Kurzem in einer Klasse die Mehrzahl der Schüler darauf, die Tische frontal ausgerichtet stehen zu lassen, sodass während des Frühstücks kein Blickkontakt unter den Schülern möglich war. Jeder Schüler hatte mitgebracht, was er gerne isst, einige hatten trotz Absprache nichts dabei. So packte jeder seine Lebensmittel aus und legte sie vor sich. Eine gemeinschaftliche, fröhliche Essensrunde war so nicht möglich – sie war demnach auch nicht erwünscht. Die Idee, Butter, Käse oder Wurst zu teilen, wurde erst auf meine Anregung hin umgesetzt. In einem anschließenden Gespräch wurde deutlich, dass dies auch in vielen Familien nicht üblich ist. „Jeder isst in unserer Familie für sich, meist vom Kühlschrank in den Mund“, formulierte es ein Schüler. Gemeinschaftsfördernde Rituale können so nicht erlebt werden.

Solche und ähnliche Beobachtungen veranlassen mich immer wieder dazu, nicht nur vom Lehrplan vorgegebene Inhalte in den Unterricht einzubringen, sondern auch ganz konkrete Verhaltensweisen einzuüben. Häufig geht es dabei um elementare Fertigkeiten, die vor allem in den Familien eingeübt und praktiziert werden könnten. Das persönliche und soziale Lernen, das ich anrege, ist dabei lediglich eine Ergänzung dazu. Als beobachtender Lehrer ist es für mich wenig hilfreich, Schuldzuweisungen zu formulieren. Ich sehe vielmehr die pädagogische Herausforderung, die sich mir stellt, und freue mich über Erfolgserlebnisse nach Übungsphasen.

Ich halte es für angebracht und sinnvoll, als Form der Persönlichkeitsbildung vor allem an der Grundhaltung meiner Schüler zu arbeiten. Und diese sich entwickelnde Einstellung kann ganz konkrete Konsequenzen für den Alltag der Schüler haben. Somit sollten wir als Lehrer unseren Mikrokosmos Schule öffnen für das Leben, das sich nach der Schule abspielt. Denn das ist das wirkliche Leben.

Ich wünsche mir, dass meine Schüler mit meiner Hilfe überzeugt sagen können:

  • Wenn wir miteinander essen, teilen wir und sitzen bei anregenden Gesprächen zusammen an einem Tisch.
  • Es wirkt sich auf mein Lernen und auch auf meine Laune aus, wenn ich mich in einer ordentlichen und sauberen Klasse aufhalte. Dazu kann ich persönlich beitragen.
  • Konflikte und Störungen innerhalb der Klassengemeinschaft können wir selbst lösen. Dabei kann der Lehrer uns hilfreiche Anregungen geben.
  • Ich versuche, freundlich und hilfsbereit zu meinen Mitschülern zu sein, denn das erleichtert uns das Miteinander und macht uns manchmal sogar glücklich.
  • Ich gehe achtsam mit meinen Mitschülern um und sehe, wenn jemand Hilfe braucht. Nicht der Andere oder Jedermann ist dabei gefragt, sondern ich selbst.

Manchmal sind es ganz grundlegende Fertigkeiten, die eingeübt werden können, z. B. das Essen mit Messer und Gabel. Oder dass man sich beim Zuspätkommen nicht wortlos auf seinen Platz setzt, sondern freundlich grüßt und den Grund des Zuspätkommens angibt. Dass man sich nicht ständig schlagen oder mit beleidigenden Begriffen beschimpfen muss. Oder dass sich alle am Unterrichtsende verabschieden.

Die Schüler erfahren konkret, dass bestimmte Werte und Regeln ihr Leben einfacher und die Menschen zufriedener machen können. So kann Schule zu einem Ort werden, der die jungen Menschen fit macht für das Leben. Auch wenn es nur kleine Akzente sind. Ich als Lehrer kann dazu beitragen, dass meine Schüler sagen können: „Nicht nur für die Schule, sondern auch für das Leben lernen wir.“

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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