Diagnose und Förderung

Das Alphabet – ein Buch mit sieben Siegeln?

Wie sich funktionaler Analphabetismus auch in unserer Gesellschaft zeigt Alljährlich am 8. September findet der Weltbildungstag oder auch Weltalphabetisierungstag statt. Auf Englisch sprechen wir vom World Literacy Day. Dieser Tag soll an die Problematik des Analphabetismus erinnern und auf diese aufmerksam machen, denn von diesem Problem sind weltweit gut 860 Millionen Erwachsene betroffen, davon rund 2/3 Frauen. In Deutschland ist Analphabetismus kein Problem? Weit gefehlt – denn schätzungsweise 4 Millionen Menschen sind auch hier davon betroffen.
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Analphabetismus – erste Definitionen

Ana ist 24 Jahre alt und kennt das Alphabet gar nicht. Der 54-jährige Tim hingegen hat zwar eine eingeschränkte Buchstabenkenntnis, viele davon hat er aber schon wieder vergessen – und kann sie schon gar nicht zu Wörtern zusammenziehen. Und die 40-jährige Petra kann wohl einfache Wörter und Sätze lesen und schreiben – und dennoch reicht es nicht, um an unserem gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Alle drei leiden unter einer Form des Analphabetismus. Ana kennt keine Buchstaben und kann somit weder lesen noch schreiben. Sie stammt aus einem Land, in dem sie keine Schule besuchen konnte – und wenn doch, so nur sehr unregelmäßig. In Anas Fall sprechen wir von sog. primären Analphabetismus.

Tim ist von sekundärem Analphabetismus betroffen. Er hat vermutlich durch seinen Schulbesuch die Buchstaben und das Erlesen und Schreiben von Wörtern einmal gelernt, hatte aber vermutlich schon früh Probleme damit und hat diese Fähigkeiten nach und nach vergessen.

Petra ist von dem sog. funktionalen Analphabetismus betroffen. Hierunter leiden einige Menschen. Sie können zwar lesen und schreiben, doch ihre Fähigkeiten liegen hierin deutlich hinter dem zurück, was eigentlich von ihnen erwartet wird, damit sie erfolgreich am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben teilnehmen können.

Früh vorbeugen …

Analphabetismus kommt nicht nur in sozial benachteiligten Familien vor. Auch Familien, die sich kaum um ihre Kinder kümmern und wenig Zeit mit ihnen verbingen, sind vom Analphabetismus betroffen. Wichtig ist, dass möglichst früh eine Literacy – also eine Lese- und Schreibkompetenz – bei Kleinkindern und Kindergartenkindern angebahnt und ermöglicht wird. Diese entsteht beispielsweise dadurch, dass im Elternhaus und in den betreuenden Einrichtungen Wert auf das gemeinsame Lesen und Vorlesen von Bilderbüchern und Geschichten, aber auch auf das Singen und Sprechen von Kinderliedern und -reimen gelegt wird. Die Literacy wird weiterhin durch ein genaues Hinhören wie etwa beim Reimen und beim Erhören der An- und Endlaute geschult.

… und früh eingreifen

Sollten Sie während Ihres Referendariates einem Kind begegnen, das Probleme mit der Schriftsprache zeigt, so sollten Sie möglichst frühzeitig eingreifen. Sprechen Sie die Klassenlehrkraft an und bitten Sie diese um deren Einschätzung. Regen Sie weiterhin ein gemeinsames Gespräch mit den Eltern an. Auch der Schulpsychologische Dienst an der für Sie zuständigen Schulbehörde wird Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Betroffene Kinder und Jugendliche zeigen ihre Probleme häufig in Form von Lern-Blockaden und von einer ausgeprägten „Null-Bock-Haltung“. Ihre Schullaufbahn wird nur dann erfolgreich sein, wenn Sie eingreifen und ihnen Wege aus der Problematik zeigen. Und dies rechtzeitig, denn es sind in vielen Fällen Jugendliche, die Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben, die in letzter Konsequenz ihre schulische Laufbahn ohne Abschluss beenden. Gut ein Viertel der Jugendlichen ist davon betroffen.

Ausblick

Es ist nie zu spät. Einige Projekte haben sich der Problematik des Analphabetismus im Jugendlichen- und Erwachsenenalter angenommen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt etwa Erwachsene in ihrer Alphabetisierung, um sie fit zu machen für den Arbeitsmarkt. Doch sollten Sie als Lehrkraft schon frühzeitig ein Gespür dafür entwickeln, welche Kinder im Bereich der Schriftsprache besonderer Förderung bedürfen. Dieses sollte dann gemeinsam mit Experten und dem Elternhaus angegangen werden – damit allen Kindern und Jugendliche sämtliche privaten und beruflichen Perspektiven offen stehen.

 

 

Alexandra von Plüskow ist Grund-, Haupt- und Realschullehrerin. Als solche sowie als Fachberaterin für das Fremdsprachenlernen in der Grundschule war sie an der Landesschulbehörde tätig. Derzeit arbeitet die zweifache Mutter als freie Fachjournalistin für verschiedene pädagogische Verlage sowie als Lehrbeauftragte.

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