Unterricht

Schülerbeobachtungen gezielt durchführen und sinnvoll nutzen

Schülerbeobachtungen zu machen und zu dokumentieren ist die Pflicht einer jeden Lehrkraft. Doch ist der Unterrichtsalltag meist schon zur Genüge gefüllt mit allerlei anderen Tätigkeitsfeldern, so dass die Beobachtungen oftmals zu einer bürokratischen „Zusatzaufgabe“ werden. Dabei ist die Schülerbeobachtung wichtig und sollte eher als Chance, denn als Last gesehen werden.
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Was bedeutet überhaupt Beobachten?

Damit Schülerbeobachtungen nicht nur lästige Schreibarbeit bleiben, sondern für alle Beteiligten gewinnbringend sind, sollten Sie bei deren Umsetzung verschiedene Aspekte beachten.

Die Beobachtungen müssen stets rein sachlicher Natur sein. Es geht darum, objektiv wahrnehmbare Tatsachen festzuhalten und diese nicht mit subjektiven Interpretationen oder Wertungen zu vermischen. Sammeln Sie deshalb über einen längeren Zeitraum mehrere Einzelbeobachtungen zu einem bestimmten Kriterium und ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse daraus.

Gehen Sie Beobachtungen außerdem planmäßig an. Legen Sie vorher fest, was genau sie beobachten wollen und definieren Sie Kriterien, anhand derer Sie Ihre Beobachtungen vornehmen. Beobachten Sie den oder die Schülerinnen und Schüler daraufhin gezielt über mehrere Tage und nutzen je nach Bereich nicht nur den unterrichtlichen Rahmen, z. B. während einer Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, sondern vielleicht auch außerunterrichtliche Situationen, z. B. während der Pause, an Wandertagen, im Praktikum o. Ä.

Wozu überhaupt Beobachten?

Einige Lehrkräfte würden Schülerbeobachtungen und den damit verbundenen bürokratischen Mehraufwand gern umgehen. Dieses Tätigkeitsfeld gehört aber zu Ihren Pflichten und Ihre Vorgesetzte bzw. Ihr Vorgesetzter kann bei jedem Unterrichtsbesuch Einblick in das betreffende Schriftwesen nehmen. Eine positive Einstellung gegenüber der Schülerbeobachtung macht Ihnen nicht nur das alltägliche Schulleben leichter. Führen Sie sich durchaus den Nutzen vor Augen und finden einen Weg, die Beobachtungen ohne großen Zusatzaufwand in Ihren Unterrichtsalltag zu integrieren.

Die Vorteile sachlicher und planmäßiger Schülerbeobachtungen sind in mehreren Bereichen zu finden:

  • Die Beobachtungen können als Grundlage für Schüler- und Elterngespräche dienen.
  • Sie helfen bei der Erstellung von Zeugnissen.
  • Im Ernstfall können die Notizen die von Ihnen getroffenen Aussagen bei Elterngesprächen oder in Zeugnissen belegen und ergriffene Maßnahmen begründen.
  • Auf diesem Wege können auch Kompetenzen ins Auge gefasst werden, bei denen Handlungen im Vordergrund stehen und die schriftlich nur schwer überprüfbar wären, wie zum Beispiel Experimentieren, Präsentieren von Arbeitsergebnissen oder Kommunizieren in der Gruppe.

 

Wie geht Beobachten überhaupt vonstatten?

Grundsätzlich gilt: Nehmen Sie sich nicht zu viel vor für eine Beobachtung. Dies bezieht sich sowohl auf die Anzahl der Schülerinnen und Schüler als auch auf die zu beobachtenden Merkmale. Damit eine zielgerichtete und planmäßige Beobachtung gewährleistet ist, überlegen Sie sich vorher ganz genau, was Sie an diesem Tag untersuchen möchten. Beobachten Sie das Sozial- oder das Arbeitsverhalten eines Schülers oder einer Schülerin? Auf welche Teilleistungen werden Sie gezielt achten? Mögliche Kriterien für das Arbeitsverhalten sind z. B.: Hält die Schülerin bzw. der Schüler den Arbeitsplatz ordentlich? Kann sie oder er eine saubere und vollständige Heftführung vorweisen? Erledigt sie oder er die Hausaufgaben zuverlässig?

Fügen Sie außerdem bei jeder Beobachtung das jeweilige Datum hinzu. Im Falle von Elterngesprächen kann dies sehr wichtig sein – einerseits um Ihre Beobachtungen belegen zu können, andererseits um mithilfe der Eltern später die Rahmenbedingungen des Vorfalles besser rekonstruieren und die Situation damit besser einschätzen zu können. So kann genau analysiert werden, ob in der Zeit, in der das beobachtete Verhalten auftrat, eventuell privat etwas passierte, und ob dieser Umstand ggf. ein Grund für ein bestimmtes Verhalten in der Schule gewesen sein könnte.

Je nachdem, in welchem Rahmen Beobachtungen angestellt und welche Merkmale beobachtet werden, sind verschiedene Herangehensweisen sinnvoll.

1. Beobachten während des Unterrichts

Wollen Sie einen oder mehrere Lerner während einer bestimmten Unterrichtsphase beobachten, ist eine wichtige Voraussetzung, dass Sie selbst während des Beobachtungsprozesses frei von jeglicher Unterrichtsführung oder anderen Tätigkeiten sind und sich voll auf die jeweiligen Schülerinnen und Schüler konzentrieren können. Schaffen Sie sich einen angenehmen und ruhigen Rahmen und beobachten Sie die Lernenden z. B. während einer Partner- bzw. Gruppenarbeit.

2. Beobachten in außerunterrichtlichen Situationen

Nicht nur während des Unterrichts können Sie die Schülerinnen und Schüler beobachten. Auch in Pausen oder während Unterrichtsgängen lassen sich immer wieder Verhaltensweisen erkennen, die Ihnen wichtige Aufschlüsse über die Persönlichkeit der Lerner geben können. Gibt es zum Beispiel oftmals Ärger in der Pause oder zeigt sich jemand sehr kooperativ? Diese und ähnliche Beobachtungen spiegeln das Sozialverhalten in einem authentischen Rahmen wider. Bei Unterrichtsgängen lässt sich z. B. gut beobachten, ob das Interesse der Schülerin bzw. des Schülers auch außerhalb des Klassenzimmers Bestand hat oder eventuell erst in diesem neuen Kontext aufblüht. Nutzen Sie jede Chance, Ihre Schülerinnen und Schüler zu beobachten. Bleiben Sie dabei aber offen und begegnen Sie den Lernenden (auch außerhalb der Schulwände) neutral und lassen Sie sich ggf. auch von anderen Verhaltensweisen (positiv) überraschen.

3. Beobachtungen auf Basis schriftlicher Arbeiten

Beobachtungen können auch anhand schriftlicher Arbeiten erfolgen. Schauen Sie sich Hefteinträge immer wieder genau an und beobachten Sie z. B., wie sorgfältig gearbeitet oder wie genau (ab)geschrieben wurde. Sind alle Hefteinträge vollzählig? Besorgt sich die Schülerin bzw. der Schüler im Krankheitsfall selbst die versäumten Unterlagen? Solche und ähnliche Beobachtungen können wichtige Hinweise zum Arbeitsverhalten geben. Interessant sind auch Auswertungen von Tests oder Klassenarbeiten, die Sie gleich während der Korrektur machen können. So können Sie enthaltene Fehler und die dahintersteckenden Denkweisen genau untersuchen und sowohl für eine individuelle Förderung als auch für Ihre Beobachtungen nutzen.

In welcher Form Beobachtungen überhaupt notieren?

In welcher Form Sie Ihre Beobachtungen notieren und sammeln, bleibt in der Regel Ihnen überlassen. Nur an wenigen Schulen werden den Kolleginnen und Kollegen bestimmte Vorgaben gemacht, z. B. in Form von gemeinsam erstellten Beobachtungsbögen. Einige Verlage bieten fertige Beobachtungshefte mit vorgegebenen Kriterien an, die Sie dann entsprechend ankreuzen müssen. Manche Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit selbst erstellten Tabellen, in denen Sie die ausgewählten Merkmale bei den einzelnen Schülerinnen und Schülern nur markieren müssen. Eine andere Möglichkeit ist es freie Protokolle zu führen, in denen Sie Ihre Beobachtungen mit eigenen Worten notieren.

Für welchen Weg Sie sich auch immer entscheiden: Achten Sie darauf, die Beobachtungen einzeln für jede Schülerinnen und jeden Schülern getrennt in einem jederzeit griffbereiten Ordner oder Heft anzulegen. Einzelne Zettel haben oftmals die Eigenschaft, in diversen Schreibtischschubladen unterzugehen. Wie auch immer Sie aber Ihre Beobachtungen notieren – Sie werden schnell feststellen, dass Sie auf diese Weise mit Ihrem Ordner sowohl eine ideale Vorbereitung auf Elterngespräche vorliegen haben, als auch die notierten Beobachtungen Ihnen ebenfalls beim Erstellen der Zeugnisse hilfreich zur Seite stehen.

Worauf überhaupt achten beim Beobachten?

Seien Sie sich stets Ihrer pädagogischen Verantwortung bewusst und notieren Sie nicht leichtfertig irgendwelche beobachteten Momentaufnahmen. Eine Beobachtung kann natürlich z. B. bei einem Streit zwischen zwei Personen durchaus „blitzlichtartig“ ausfallen. Bedenken bzw. notieren Sie sich in so einem Fall aber auch die Rahmenbedingungen, die dem Vorfall zu Grunde lagen. Wie kam es dazu? Gab es an diesem Schulvormittag irgendwelche besonderen Ereignisse? Wurde beispielsweise ein Test oder eine Klassenarbeit geschrieben?

Nur wenn Sie Ihre Beobachtungen auch genau beleuchten und wenn nötig hinterfragen, sind neutrale Aussagen gewährleistet, die die Schülerin bzw. den Schüler in seiner wahren Person jenseits aller Alltagslaunen sehen.

 

Die Autorin

Julia Schlimok ist Lehrerin und betreut seit mehreren Jahren regelmäßig Lehramtsanwärterinnen und -anwärter im 1. Ausbildungsjahr.

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