Kolumne

Angstkiller

Etwa jeder sechste Deutsche leidet unter einer krankhaften Angststörung. Die Angst ist mittlerweile zur Volkskrankheit mutiert. Doch sie wird nicht immer ernst genommen, und es wird kaum darüber gesprochen. Auch unter Referendaren sind Angststörungen nicht selten.
startklar-tafel 01

Ziemlich blass um die Nase sitzt die Referendarin im Aufenthaltsraum. „Das halte ich nicht mehr lange aus“, bricht es aus ihr heraus. „Die machen mich fix und alle!“ Sie berichtet von einer Klasse, mit der sie zunächst gut zurechtkam. Sie hatte die Kinder gut im Griff, und es herrschte ein angenehmes Unterrichtsklima. Doch nach der Rückgabe der ersten Klassenarbeit drehte sich plötzlich der Wind. Unhöflichkeit, Rücksichtslosigkeit und Respektlosigkeit schlugen ihr entgegen. Die Schüler gingen regelrecht zum Angriff über. „Ich habe Angst, wenn ich den Klassenraum betrete. Ich habe aber auch Angst davor, zur Schulleitung zu gehen. Das kann mir als Schwäche und Inkompetenz ausgelegt werden.“

Jeder Mensch kennt das Gefühl der Angst, das sich physisch und psychisch bemerkbar macht durch innere Unruhe, Zittern, Herzrasen, Übelkeit oder Schlafstörungen. Die Angst gehört zu unserem Leben. Sie ein angeborener Schutzmechanismus und macht uns aufmerksam auf Bedrohungen von außen und Störungen von innen. Die Angst mahnt uns zur Vorsicht. Nur wer die Gefahr kennt, kann sie auch bewältigen.

Und doch kann die Angst uns aus der Bahn werfen und unser geordnetes Leben in ein Ungleichgewicht bringen. Wenn die Angst ein übersteigertes Ausmaß annimmt und die normale Lebensführung massiv einschränkt, spricht man von einer psychischen Erkrankung. Die Übergänge zur Krankheit sind manchmal fließend und werden nicht immer bewusst wahrgenommen.

Auch im Rahmen der Lehrerausbildung können unterschiedlichen Formen von Angst auftreten: die Angst vor einer Klasse oder einzelnen Schülern, die Angst vor den Ausbildern und Prüfern, die Angst vor der Lehrprobe, vor dem Unterrichten, Versagensangst, Prüfungsangst oder die Angst vor der Zukunft.

Bevor sich eine Angsterkrankung verfestigt und nur noch eine medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung helfen kann, sollte die Notbremse gezogen werden. Der erste Schritt ist die Überwindung der Sprachlosigkeit. Die Betroffenen müssen ihre Ängste äußern dürfen, und alle Beteiligten sollten lernen, damit umzugehen.

Wer stark ist und sehr gute Leistungen bringt, erhält Lob und Anerkennung. Sind die Ängstlichen dann die Loser?

Wenn das so ist, darf es nicht verwundern, dass die Angst zum Tabu wird. Dabei ist gerade diese Angst ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Wichtig ist, dass die Angstsituation nicht dramatisiert oder sogar als „Waffe“ gegen die Ausbilder eingesetzt wird. Entscheidend sind eine frühzeitige sachliche Analyse der Situation und eine gute und fundierte Beratung. Das verlangt natürlich eine professionelle Beratungskompetenz der Ausbilder!

Nicht hilfreich
  • sind Äußerungen wie: „Das haben andere auch schon geschafft!“ oder „Stell dich nicht so an!“
  • sind Psychopharmaka oder Suchtmittel. Wirklich lösen können sie die Ängste nicht.
  • sind Gespräche mit Panikmachern und Schwarzsehern. Diese sollte man meiden!
  • ist es, das eigene Selbstwertgefühl systematisch zu zerstören.
Hilfreich

Hilfreich und erfolgsversprechend sind außerdem verhaltenstherapeutische Maßnahmen bei einer bereits eingetretenen Angsterkrankung. Angststörungen sind gut behandelbar.

Der oben geschilderte Fall nahm zum Glück für alle Beteiligten einen guten Ausgang. Die Referendarin erhielt bei einer kollegialen Fallberatung im Studienseminar von ihren Kollegen ganz konkrete Anregungen. Selbstbewusst und zielgerichtet entwickelte sie eine lösungsorientierte Strategie. Sie führte mit den Schülern ein offenes Gespräch, in dem die Konflikte geklärt wurden. So konnte auch ihre Angst frühzeitig ausgebremst werden.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: