Kolumne

Das Lehrerzimmer

Es ist so etwas wie der heilige Ort der Schule, das Lehrerzimmer. Voller Ehrfurcht stehen Schüler davor oder klopfen schüchtern an die Tür, um ihr Anliegen vorzutragen. Nur selten oder nie betritt ein Schüler im Laufe seiner Schulzeit diesen Raum. Man weiß, dass sich dort die Lehrer aufhalten, wenn sie keinen Unterricht haben. Also vor Unterrichtsbeginn, in den Pausen, Freistunden und nach dem Unterrichtstag. 
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Und nun sind Sie als Referendar selbst ein Teil des Kollegiums und somit berechtigt, sich im Lehrerzimmer aufzuhalten. Sie haben sogar ein eigenes Ablagefach oder ein Regal, in dem sie ihre Unterlagen aufbewahren können. Und sie sitzen auf einem Stuhl an einem Tisch.

Diese Tatsache wurde schon für so manchen Neuling zu einem unvergesslichen Fettnäpfchen. Das passiert, wenn Sie bestimmte Regeln nicht einhalten. Viele Lehrerzimmerstühle an bestimmten Lehrerzimmertischen sind nämlich Stammtische und -stühle. Sie werden manchmal seit Jahrzehnten von denselben Kollegen belegt. Es gibt also so etwas wie ein Gewohnheitssitzrecht. Und dann kommt der neue Junglehrer und setzt sich auf irgendeinen Platz im Lehrerzimmer.

Das kann zu einer peinlichen Angelegenheit werden. Also fragen Sie zuerst nach, ob es eine feste Sitzordnung gibt. Und Sie verdienen sich mit Sicherheit nach einiger Zeit auch einen eigenen Stammplatz.

Interessant ist ein Lehrerzimmer auch dann, wenn man gerne beobachtet und zuhört. Denn dort wird viel geredet: über den Unterricht, die Schüler, die Eltern, die Noten und über die nächsten Ferien. Und es wird auch gejammert: darüber, wie schlimm es doch ist, sich mit anderer Leute Kinder abzugeben und überhaupt, wie schwer man es hat.

Störungen der Ruhe sind ständig angesagt: Schüler wollen wissen, ob eine Unterrichtsstunde ausfällt und ob die Klassenarbeit denn wirklich geschrieben wird. Meist ist das Lehrerzimmer ein recht hektischer Ort, weshalb manche Kollegen sich lieber in irgendwelchen Vorbereitungs- oder Klassenräumen aufhalten, um eine richtige Pause einzulegen. Und schließlich gibt es noch die lästige Klingel, die die wohlverdiente Auszeit unterbricht.

Ich möchte Sie zu einer kleinen Übung einladen, mit der Sie Ihren Lehrerzimmeraufenthalt vor allem in Freistunden ein wenig abwechslungsreicher und unterhaltsam gestalten können. Noch spannender wird die Übung, wenn Sie diese zu zweit oder zu dritt durchführen. Das bedarf jedoch eines geschickten und gut getarnten Beobachtungs- und Gesprächsverhaltens.

Schauen Sie sich Ihre Kollegen genau an und stellen Sie sich vor, dass Sie nur Tiere sehen. Jedes dieser Tiere verbinden Sie mit einem besonderen Charakterzug (z. B.: der schlaue Fuchs, die hinterhältige Schlange, der mutige Löwe, die geschwätzige Gans, der fleißige Biber, der störrische Esel, der eigenwillige Kater, der vorsichtige Luchs, die meckernde Ziege, der gutmütige Bär, der besserwisserische Rabe, das unschuldige Lamm, die dumme Ente, …).

Die Übung eignet sich auch gut bei langweiligen Konferenzen. Natürlich geht es hierbei nicht darum, über Kollegen zu lästern, sondern die eigene Menschenkenntnis zu schärfen. Bei einer ganz mutigen Aktion könnte ein Aushang im Lehrerzimmer die Lehrerschaft dazu ermuntern, sich selbst mit einem Tier zu vergleichen. Eine Selbsterfahrung der besonderen Art.

Das Lehrerzimmer ist eine Kommunikationszentrale für alle Lehrer, wobei Sie als Referendar ganz viel pädagogisches Potenzial vor sich sitzen haben. Entwickeln Sie Ihre kommunikative Kompetenz und nutzen Sie die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Unterrichtserfahrungen auszutauschen und Unterstützung zu suchen.

Es bringt Sie nicht weiter, wenn Sie in sich gekehrt und Kaffee schlürfend auf Ihrem Platz verharren. Bleiben Sie auch im Lehrerzimmer geistig und körperlich in Bewegung. Nutzen Sie die Gelegenheit zur Kontaktpflege. Es lohnt sich!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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