Kolumne

Der Schüler ist mein Lehrplan

„Schon wieder eine Freundschaft beendet", pflegte ein Kollege zu sagen, wenn er wieder einmal mit Schülern auf Konfrontationskurs gestanden hatte. „In der Schule brauche ich keine Freunde, Liebe bekomme ich zu Hause genug." Dabei wirkte er durchaus gelassen und zufrieden. Als junger Lehrer hat mich dieses Verhalten sehr irritiert. Problematisch war es für mich deshalb, weil ich gerade an meinem pädagogischen Leitbild bastelte.
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Welches Selbstverständnis habe ich als Lehrer? Wie soll ich mich gegenüber meinen Schülern verhalten? Auf welcher Basis gestalte ich meinen Unterricht? Dazu brauchte ich ein solides pädagogisches Fundament.

Also experimentierte ich weiter an meinem Lehrerprofil und einer spannenden und anregenden Choreografie des Unterrichts. So beobachtete ich die sehr unterschiedlichen Lehrertypen und die vielfältigen Lerngruppen genau, um mein eigenes Profil zu schärfen. Es war eine Art beruflicher Identitätsfindung: Will ich der Wissensvermittler und Fachmann sein, der autoritäre Aussortierer und Pauker, der Kumpel und Showmaster, der Lernhelfer und Erzieher oder der kreative und engagierte Pädagoge mit fachlichem Hintergrund?

Meine experimentellen Erkundungen und Selbstversuche mündeten nach einigen Jahren in einem Satz, der mich bis heute begleitet hat: Der Schüler ist mein Lehrplan! Diese persönliche Grundhaltung hat mir sehr geholfen – bei der Planung meines Unterrichts und im konkreten Unterrichtshandeln. Er hat mir aber auch kuriose Erlebnisse beschert. So wurde ich aufgrund einer Beschwerde zur Schulbehörde zitiert. Ich hatte mein Bekenntnis als Referent während einer Fortbildung erläutert und damit bei einem Teilnehmer Unmut erzeugt. Der Schüler sei ein Schüler und kein Lehrplan.

Alles dummes Zeug und nur ärgerlich. Der zuständige Referent kannte mein pädagogisches Konzept und schmunzelte lediglich amüsiert. Vonseiten des Kritikers habe ich nie eine konkrete Rückmeldung erhalten. Für mich hieß dies aber auch, dass ich noch deutlicher an meinem pädagogischen Leitbild arbeiten musste.

Lehrer interessieren sich für ihre Schüler und unterrichten vor allem Schüler, und nicht nur ein Fach. Das ist kein Rezept, sondern eine Haltung. Mir wurde im Laufe der Jahre immer deutlicher, dass Lernen besser gelingt, wenn es von vertrauten Beziehungen getragen wird. Kinder und Jugendliche können ihre kognitiven und kreativen Kompetenzen vor allem dann gut entwickeln, wenn eine Atmosphäre der angstfreien Offenheit und Neugier herrscht. Dann entwickeln sie auch Aufmerksamkeit und Aufnahmebereitschaft, die eine angenehme und entspannte Lernatmosphäre fördern.

Am meisten macht mir selbst das Unterrichten besondere Freude, wenn ich spüre, dass das ganzheitliche Lernen mit Körper, Geist und Seele den Schülern Spaß bereitet. Ja, Lernen darf Spaß machen, und Unterricht kann zu einem Erlebnis werden, zu dem ich beitragen darf. Das bleibt für mich als Lehrer ein lebenslanger Prozess, der gelingen kann, wenn ich mich selbst auch als neugieriger Lerner verstehe – wie meine Schüler. So wird das Lernen zum großen Projekt des eigenen Lebens.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Ich will Sie ermuntern, intensiv an ihrem pädagogischen Leitbild zu arbeiten. Sie werden es zu schätzen wissen, wenn sie einen roten Faden haben, der sich durch ihr Berufsleben zieht.

Was aber besonders wichtig ist: Es sollte ein persönliches Leitbild sein, in dem Sie Ihre eigenen Werte und Grundsätze formulieren, und keine Aneinanderreihung von schlauen pädagogischen Zitaten aus Lehrbüchern.

Probieren Sie es aus, denn es kann eine Bereicherung für Sie und Ihre Schüler werden. Und vielleicht wird Ihre Schule so zu einem Ort mit Wohlfühlcharakter, zu dem Sie mit Ihrer Haltung beitragen können.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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