Kolumne

Generation What?

Die Jugend war schon immer eine abenteuerliche Lebensphase. Das gilt nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern auch für die Menschen, die sie begleiten. Wer als Lehrer fast täglich mit jungen Menschen zu tun hat, sollte sich für deren Lebenswelt interessieren. Was fühlen, denken und glauben sie? Wie gehen sie mit ihren Stärken und Schwächen um? Welchen Plan haben sie von ihrem Leben?
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Motiviert und erwartungsvoll gehe ich in meine Lieblingsklasse und merke sofort, dass hier etwas nicht stimmt. Wie immer lautet meine erste Frage: „Wie geht es euch?“ Es sprudelt regelrecht aus den Schülern heraus. Kollege X war zuvor in der Klasse. Die Klassenarbeit ist schlecht ausgefallen. Statt gemeinsam nach der Ursache zu forschen, beschimpft er die Schüler als faul und dumm. Die Enttäuschung über diese Einschätzung ist groß. Zumal sie auch nicht auf diese Lerngruppe zutrifft. Die Mehrzahl der Schüler ist bei mir und auch in anderen Fächern sehr engagiert. Auch über den Unterricht hinaus setzt sich die Klasse aktiv für das Schulleben ein. Und ich weiß, dass sich einige Schüler in ihrer Freizeit in Vereinen engagieren und durch Jobs ihr Taschengeld aufbessern. Aber wieso kommt der Kollege zu dieser Einschätzung, die er auch im Lehrerzimmer verbreitet?

Als Lehrer sollten Sie immer Interesse am Leben junger Menschen zeigen und auch haben – unabhängig von Ihrem Unterrichtsfach. Denn Sie haben es mit Menschen zu tun und nicht mit Maschinen, denen Sie lediglich Wissen einflößen. Doch wie lerne ich die heutige Jugend besser kennen?

Die Jugendforschung setzt sich professionell mit diesem Thema auseinander. Seit den 1950er-Jahren wurde eine Vielzahl an Untersuchungen durchgeführt und ausgewertet. Man hat der Jugend erstaunliche Stempel aufgedrückt: skeptisch, unbefangen, kritisch, optimistisch, pragmatisch. Man bezeichnete sie als die No-Future-Generation, als Generation Golf, Generation X, Generation Aufbruch, Generation Praktikum oder neuerdings als Generation Kopf unten oder Generation What?

Falls Sie Interesse haben, schauen Sie sich die Ergebnisse der neuesten SINUS-Jugendstudie 2016 an (www.sinus-akademie.de/service/downloads/jugend.html). Aber lassen Sie sich von der Studie nicht in die Irre führen, denn nicht jede Einschätzung trifft auf die Jugendlichen zu, mit denen Sie es gerade zu tun haben. Im konkreten Umgang mit Jugendlichen sind diese Studien eigentlich wenig hilfreich. Sie selbst sind als Lehrer ein Experte, wenn es um Jugendfragen geht. Das sind Sie aber nur, wenn Sie bereit sind, nachzufragen, nachzuspüren und Interesse an den Jugendlichen und ihren Lebenswelten zeigen. Werden Sie zum Jugendforscher in eigener Sache! Fragen Sie Ihre Schüler, wie sie sich selber sehen. Was macht sie glücklich oder traurig? Was ist ihnen wichtig? Machen Sie sich ein realistisches Bild von Ihrer „Generation Schüler“, die sich immer wieder verändert.

Sie werden dann vielleicht auch feststellen, dass es „die Jugend“ nicht gibt. Es ist eine heterogene Gruppe, deren Vielfalt eine Herausforderung für jeden Pädagogen darstellt. Ich muss mich als Lehrer immer wieder mit aller Offenheit neu auf sie einlassen. Und doch werde ich regelmäßig fragend, mit Staunen und sogar sprachlos vor der mir anvertrauten Jugend stehen.

Peter König formulierte dies 1993 in einem Artikel „Wir Voodookinder“ sehr anschaulich:

„Versucht nicht, uns zu verstehen. Ihr könnt uns untersuchen, befragen, interviewen, Statistiken über uns aufstellen, sie auswerten, interpretieren, verwerfen, Theorien entwickeln und diskutieren, Vermutungen anstellen, Schlüsse ziehen, Sachverhalte klären, Ergebnisse verkünden, sogar daran glauben. Unseretwegen. Aber ihr werdet uns nicht verstehen.“

Übrigens erinnere ich mich an die 1970er-Jahre, die Zeit meiner Jugend, die heute so gerne verherrlicht wird als Flower-Power-Zeit. Musik, Kleidungsstil, Hippies, Blumenkinder, freie Liebe, Drogenkonsum oder lange Haare werden heute gerne zitiert, um die Jugend von damals zu beschreiben. Es war in Wirklichkeit viel harmloser. Deshalb versuche ich im Gespräch mit jungen Menschen die Floskel „Damals, als ich noch jung war …!“ eher zu vermeiden.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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