Kolumne Startklar

Geschenkte Zeit

In unserer neuen Kolumne erhalten Sie aktuelle und praxisrelevante Themen rund um den Schulalltag. Nutzen Sie die Chance und informieren Sie sich über gegenwärtige Angelegenheiten.
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Neulich in der Einkaufsschlange beim Discounter. Das bekannte Ritual: Ich habe nur ein Produkt in der Hand, vor mir eine Schlange mit vollgepackten Einkaufswagen. „Gehen Sie ruhig vor“, fordert mich die ältere Dame vor mir auf.

„Danke, aber ich habe Zeit!“, lautet meine demonstrative Antwort auf das freundliche Angebot.

„Ooh!“, entfährt es ihr überrascht. „Das erlebt man ja selten.“

Natürlich mache ich dieses Spielchen gerne, um die Reaktionen der Menschen zu beobachten. Genauer betrachtet, ist es eher eine Seltenheit, dass Menschen bekennen, Zeit zu haben. Zeitnotstand ist angesagt. Es ist in unserer kurzatmigen Leistungsgesellschaft verdächtig, öffentlich zuzugeben, dass man Zeit hat. „Entweder sind Sie arbeitslos oder Lehrer“, so ein Kommentar auf meine Aktion in einer anderen Discounterschlange.

Unser Lebens- und Arbeitsrhythmus wird zunehmend bestimmt vom Diktat der Zeit, von Terminkalendern und Stundenplänen. Unser Vokabular spricht Bände. Es zeigt anschaulich, wie wir über unsere Zeit denken und wie wir damit umgehen: Zeit sparen, Zeitverschwendung, Zeitmanagement, Zeitdruck, Zeitfresser, Zeit ist Geld, Zeit gewinnen, nur keine Zeit verlieren, die Zeit totschlagen.

Anscheinend ist Zeit so kostbar, dass ich versuchen muss, sie in den Griff zu bekommen, sie zu ordnen und zu verwalten. Keine Sekunde, Minute oder Stunde, kein Tag darf vertane Zeit sein. Und so präsentieren wir stolz unsere Zeitplaner mit den vielen Terminen, die bestätigen sollen, wie gut wir unser Leben im Griff haben.

Aber ehrlich: Kann ich wirklich Zeit sparen, oder sie gar ansammeln? Jeder Mensch hat eine Zeitspanne, die ihm zur Verfügung steht und die er füllen kann. Letztlich geht es nicht darum, die Zeit in den Griff zu bekommen, sondern zu lernen, in der Zeit zu sein. Denn die Zeit ist ein Geschenk.

Gerade in den vorweihnachtlichen Wochen bekommt die Zeit eine ganz intensive Bedeutung. Der Countdown zum Fest läuft. Es scheint fast, als würde er immer früher angezählt. Und so wird die Zeit der Vorbereitung und der Besinnung, wie sie manche nennen, zwangsläufig zu der hektischsten Phase des Jahres. Was schenken? Wie feiern?

Viele Kleinigkeiten lassen so manchem Zeitgenossen die Lust am Fest bereits sehr früh vergehen. Manche fliehen gar in sonnige Gegenden, um dem heimatlichen Rummel ganz zu entkommen.

Auch im Schulalltag erleben wir diese vorweihnachtliche Unruhe, die die Schüler meist von zu Hause mitbringen. Die Adventszeit bietet eine gute Gelegenheit, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen und den Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu richten: sich Zeit nehmen und sie bewusst miteinander verbringen. Die Schüler werden staunen, dass ihr Lehrer nicht nur ein wandelndes Nachschlagewerk oder ein lebendiger Taschenrechner ist, sondern ein Mensch mit Gefühlen und mit Lebenserfahrungen.

Zeigen Sie ein wenig davon, aber achten Sie auf die Grenzen von Nähe und Distanz. Das kann durchaus zu unplanmäßigen Maßnahmen führen wie einem gemeinsamen Frühstück, dem Erzählen von Geschichten, dem Betrachten von Bildern oder dem Hören und Singen von Liedern. So wie Sie und Ihre Schüler es wollen und können!

Wie bitte, Sie haben dazu keine Zeit?! Da kann ich Ihnen helfen. Schauen Sie doch einmal rechts oben neben den Artikel. Ich schenke Ihnen einen Zeitgutschein. Den können Sie sich kostenfrei herunterladen. Er ist zeitlos, und Sie dürfen ihn gerne für sich selbst nutzen, oder Sie schenken ihn einfach weiter. Verschenken Sie ein wenig von Ihrer kostbaren Zeit! Abnehmer gibt es sicherlich genug. Vielleicht können Sie mit der geschenkten Zeit einen Menschen, für den Sie lange keine Zeit mehr hatten, glücklich machen. Ich wünsche Ihnen eine gute und erfüllte Zeit!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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