Kolumne

Geschichtenerzähler

Wenn Lehrer und Schüler sich nach den Ferien wieder in der Schule einfinden, haben sie viel zu erzählen. Schöne oder nachdenkliche Geschichten von Begegnungen und Erlebnissen. Und so bietet sich als Start in die neue Schulphase die Gelegenheit, sich gegenseitig etwas zu erzählen.
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Meine Geschichte ist diese: Nach einem Strandbesuch saß ich in einem vollbesetzten Bus. Plötzlich gab es Unruhe hinter mir. Eine junge Frau und ihr etwa 5-jähriger Sohn mussten stehen, und die recht flotte Fahrweise schaukelte sie hin und her. Da sprach die Mutter unvermittelt eine vor ihr sitzende Frau in einem unfreundlichen Tonfall an und forderte sie auf, ihrem Sohn den Platz zur Verfügung zu stellen.

Die Sitzende antwortete erschrocken, dass sie recht müde von der Arbeit sei, das Kind aber gerne auf ihrem Schoß Platz nehmen dürfe. Die Mutter verschärfte ihren Ton und beschimpfte die sitzende Frau: „Mein Kind kann nur bei mir sitzen. Nehmen Sie doch Rücksicht darauf!“ Es entstand Unruhe im Umfeld der Beteiligten. Eine ältere Dame stand schließlich auf und bot Mutter und Kind ihren Platz an.

„Früher standen Kinder für ältere Menschen auf. Heute scheint es umgekehrt zu sein“, hörte man plötzlich eine laute Stimme im Bus. Ein weiterer Fahrgast kommentierte das Geschehen: „Müssen wir jetzt Angst haben, dass plötzlich eine Gruppe von Grundschulkindern im Bus steht und wir alle unsere Plätze abgeben müssen?“

Dieses Erlebnis hat sich bei mir eingeprägt. Und daher werde ich diese Geschichte oft erzählen – in der Familie, im Freundeskreis, bei Kollegen und auch im Unterricht. Es werden mit Sicherheit interessante Gespräche daraus entstehen über Erziehung, Werte und Zivilcourage.

So ist das eben mit Geschichten, wenn sie interessant sind und zudem ansprechend erzählt werden. Sie sind eine Art Türöffner für Kopf und Herz, denn sie sprechen unsere Gefühle und unseren Verstand an. Gute Geschichten machen neugierig und bewegen nicht nur emotional, sondern können auch Denkprozesse in Gang setzen. Die Welt wird mithilfe der Bilder erschlossen, und selbst schwierige und komplexe Zusammenhänge können so anschaulich und lebensnah dargestellt werden.

Geschichten helfen dabei, mit Distanz auf ein Thema zu blicken, Probleme zu analysieren und nach Lösungen zu suchen. Und sie regen vor allem zum Gespräch an.

Ich erzähle in meinem Unterricht oft Geschichten, um damit vor allem die Schüler zu motivieren, um in ein Thema einzusteigen oder es abzuschließen. Ich bin überzeugt, dass eine schöne Geschichte, die gut erzählt wird, manchmal mehr erreicht als ein langer Vortrag oder eine langweilige PowerPoint-Präsentation. Mit Ihren Geschichten werden Sie ganz neue Perspektiven und Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Verhaltens bei den Schülern eröffnen. Versuchen Sie es!

Leider haben wir das Geschichtenerzählen zu sehr in den Bereich der Kinderwelt reduziert und somit ist ihr wahrer Wert verkümmert. Dabei waren und sind gute Erzähler in vielen Kulturen angesehene Menschen. Also: Üben Sie sich in der Kunst des Erzählens!

Aber erzählen Sie Ihre Geschichten, die Sie gelesen, gehört oder selbst erlebt haben, laut und nicht nur in Gedanken. Sie können dies jederzeit und überall tun: während der Autofahrt, unter der Dusche, mit oder ohne Publikum. Dies ist heutzutage sogar ohne Bedenken in der Öffentlichkeit möglich, da es überhaupt nicht auffällt und meistens auch niemanden stört. Denn – vor sich hin redende Menschen sind viele unterwegs – mit Kopfhörer und Mikrofon oder mit dem Smartphone am Ohr.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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