Kolumne

Gute Erinnerungen

Bestimmte Ereignisse oder Szenen aus der Schulzeit bleiben im Gedächtnis haften. Oft sind sie verknüpft mit markanten Lehrerpersönlichkeiten, die einen Menschen positiv oder negativ prägen. Das verdeutlicht die große Verantwortung, die ein Mensch mitbringen muss, wenn er entscheidet, den Beruf des Lehrers zu erlernen.
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Die Erinnerung an meine ersten Schuljahre verbinde ich mit meiner Klassenlehrerin, die ihren Spaß daran hatte, an meinen Locken zu ziehen. Und das tat sie unverhofft und zu jeder unpassenden Gelegenheit. In den folgenden Schuljahren war es ein prügelnder Lehrer, der andererseits aber immer sehr liebevoll und stolz von seinem Enkelkind berichtete. Ein anderer Lehrer, an den ich mich gerne erinnere, hat mir meine Stärken bewusst gemacht und mich auf den richtigen Weg gebracht. Ohne ihn wäre ich nicht aufs Gymnasium gegangen und hätte kein Abitur gemacht.

Es waren Tausende von Schülern, die ich in den vergangenen Jahrzehnten unterrichten durfte. Und oft erkenne ich heute bei zufälligen Begegnungen auf der Straße die ehemaligen Schüler nicht mehr. Dafür erinnern sich viele der Schüler aber sehr genau an mich und meinen Unterricht. Zum Glück wechseln sie nicht die Straßenseite, wenn sie mich erblicken. Und viele der Ehemaligen beginnen ihre Rückmeldungen mit: „Ich fand es toll, wie Sie damals ...“ oder „An Ihren Unterricht erinnere ich mich gerne.“

Dann werde ich innerlich ganz unruhig vor Stolz und Freude. Glück gehabt?! Nein, ich möchte gerne behaupten, dass ich mir viel Mühe gebe, damit sich die Schüler in meinem Unterricht wohlfühlen. Ich lege großen Wert auf eine vertrauensvolle, wertschätzende und respektvolle Beziehung und eine freundliche Umgangsweise. Natürlich sollen die Schüler in meinem Unterricht auch etwas lernen. Und das hat auch etwas mit mir und meiner Person zu tun. Ich habe als Lehrer einen prägenden Einfluss.

Ob das, was ich mir vorstelle, aber auch von den Schülern so wahrgenommen wird, erfahre ich nur, wenn ich immer wieder nachfrage und bereit bin, mein Selbstbild zu korrigieren. Die Arbeit an der eigenen Lehrerrolle ist ein stetiger Prozess, der im Laufe des Berufslebens Höhen und Tiefen erfährt. Gerade wenn Sie am Anfang des Lehrerdaseins stehen, ist es wichtig, dass Sie Lust verspüren, diesen Beruf kompetent und begeistert auszuüben. Sie müssen aber auch bereit sein für persönliche Veränderungen.

Sie erhalten als Referendar viele Rückmeldungen über Ihren Unterricht, Ihre Persönlichkeit oder über Ihr dienstliches Verhalten. Sie stehen ständig unter Beobachtung, andere Menschen beurteilen Sie und teilen es Ihnen mit. In Unterrichts- und Beratungsprotokollen wird diese Fremdeinschätzung sogar schriftlich festgehalten.

Doch wie steht es mit Ihrem Selbstbild? Haben Sie einen realistischen Blick für Ihre Fähigkeiten, Eigenschaften und Verhaltensweisen? Oder ist es ein Wunschbild, das ausdrückt, wie Sie gerne sein möchten? Je mehr das Selbstbild mit dem Fremdbild und dem Wunschbild übereinstimmt, umso leistungsfähiger und gesünder sind wir. Je größer die Unterschiede sind, umso größer ist der Entwicklungsbedarf. Es können Spannungen und Ängste entstehen, die unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen.

Daher gehört es zu den wichtigen Entwicklungsaufgaben während der Lehrerausbildung, ein gesundes Selbstkonzept zu entfalten. Arbeiten Sie im Laufe Ihrer Ausbildung immer wieder daran. Das ist wichtig für die Entwicklung Ihrer Persönlichkeit. Und das betrifft nicht nur Ihre Lehrerpersönlichkeit, denn Sie sind vor allem Mensch. Seien Sie bereit, den Blick auf sich selbst und in sich zu richten!

Stellen Sie sich die Frage: Wie will ich meinen Schülern in Erinnerung bleiben?

Übrigens: Ich habe den schlagenden Lehrer aus meiner Kindheit vor Kurzem wiedergesehen. Ich habe die Straßenseite gewechselt!

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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