Kolumne

Hilfe, ich will hier rein!

Draußen vor der Tür stehen sie und hoffen, dass man sie reinlässt. Die Rede ist in diesem Fall nicht von Flüchtlingen. Nein, gemeint sind motivierte Frauen und Männer, die gerade ihr Lehramtsstudium erfolgreich abgeschlossen haben und nun auf Einlass in die heiligen Hallen der Studienseminare hoffen. Die bestandene Prüfung alleine ist jedoch mittlerweile keine Anstellungsgarantie mehr für alle und ebnet nicht zwangsläufig den Weg ins Pädagogenleben.
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Die Bundesländer glänzen mit experimentierfreudigen Angeboten. Dabei sind die Zulassungsbeschränkungen recht unterschiedlich. Bayern etwa hat gerade eine maximal dreijährige Wartefrist beschlossen. Nur die Besten dürfen auf dem direkten Weg ins Referendariat. Vor allem im gymnasialen Bereich ist der Bedarf an Lehrern gedeckt, Grund-, Mittel- und Berufsschulen suchen dagegen händeringend nach Pädagogen. Natürlich haben es sich die Politiker bei ihren schwierigen Entscheidungen nicht leicht gemacht. Die Lehrerflut soll gesteuert und die Qualität der Ausbildung verbessert werden. Zum Wohle der Kinder, der Eltern und natürlich der Lehrer. In Brandenburg will man die Ausbildung sogar von 18 auf 12 Monate verkürzen, was nicht unbedingt für Qualität spricht.

Die Uni Passau bietet freiwillige Eignungstests an, damit Bewerber frühzeitig wissen, ob sie für den Lehrerberuf geeignet sind. Und obwohl die demografische Entwicklung seit vielen Jahren relativ genaue Zahlen liefert, ist die Lage eher unübersichtlich. Eines scheint jedoch klar zu sein: Bundesweit besteht ein großer Bedarf an Lehrpersonal. Manche Bundesländer arbeiten mit Kurzzeit- und Vertretungsverträgen, einer Art stiller Reserve oder Notstopfen. Manchmal übernehmen auch Fachleute ohne pädagogische Qualifikation den Fachunterricht.

Und hier wird es mir als langjähriger Lehrer doch etwas mulmig. Bildungspolitiker sind wie alle Menschen von Natur aus Experten im pädagogischen Feld, denn alle haben irgendeinmal eine Schule oder sogar mehrere besucht. Doch diese Qualifikation genügt nicht, um wichtige bildungspolitische Entscheidungen treffen zu können. Wenn es jährlich etwa eine Viertel Million Einschreibungen für ein Lehramtsstudium gibt, ist die Abiturnote das entscheidende Kriterium für die Zulassung. Ausschlaggebend für ein Lehramtsstudium ist nicht immer die Profession. Da sind die Heimatnähe des Studienortes oder der sichere Job sowie die lange Ferienzeit überzeugendere Motive.

Die Studierenden hören in ihrer Ausbildung auch etwas vom Professionswissen, das ein guter Lehrer unbedingt mitbringen sollte: das Fachwissen, das fachdidaktische Wissen und das pädagogische Wissen. Doch die Besten sind nicht unbedingt diejenigen, die an den Hochschulen gute Klausuren, Hausarbeiten und Masterarbeiten geschrieben haben.

Gute Pädagogen müssen nicht nur etwas wissen, sondern vor allem etwas können. Und dabei müssen Wissen und Können in Balance gebracht werden. Ein guter Biologe ist noch kein guter Biologielehrer. Dabei ist immer noch nicht genau geklärt, was einen guten Lehrer genau ausmacht. Viele wichtige und grundlegende Kompetenzen erarbeitet sich der angehende Lehrer in seiner zweiten Ausbildungsphase, dem Referendariat.

Die aktuelle Situation (heterogene Lerngruppen, psychische Erkrankungen, Migranten etc.) zeigt, dass Lehrer ein sehr umfangreiches Repertoire an Kompetenzen entwickeln müssen. Sie sollten nicht nur Fachleute und gute Pädagogen sein, sondern häufig auch Psychologen, Sonderpädagogen, Sprachexperten oder Lebensberater. Um das alles zu erreichen, gibt es keine Formel und auch kein Rezept. Hier haben die Ausbilder im Rahmen des Referendariats eine grundlegende Aufgabe zu bewältigen: Menschen dabei zu unterstützen, gute Lehrer zu werden. Und das klappt nicht, wenn die Ausbildungszeit zu kurz ist oder wenn eine lange Wartezeit nach dem Studium unmotivierte und frustrierte Lehramtsanwärter produziert oder wenn es einfach die falschen Kandidaten sind.

In Finnland gibt es übrigens eine einheitliche Lehrerausbildung nach dem Prinzip: „Wir unterrichten Menschen, nicht Fächer.“ Dabei werden insgesamt nur 10 % der Studienbewerber für das Lehramt ausgewählt. Das Zulassungsverfahren ist schwierig und aufwendig, denn die Bewerber müssen neben persönlichen Gesprächen auch schriftliche Tests und Gruppenübungen bewältigen. Dabei stehen vor allem soziale und persönliche Kompetenzen im Mittelpunkt.

Der finnische Lehrerausbilder Matti Meri bringt es auf den Punkt: „Damit man die besten Schüler der Welt bekommt, muss man die besten Lehrer der Welt ausbilden.“  Und: „Wir brauchen niemanden, der wunderbar Flöte spielt, wir brauchen Menschen, die sich fragen: Wie erreiche ich, dass die Kinder gerne Flöte spielen?“

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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