Kolumne

Kreativität nutzen

Eine gut konzipierte Unterrichtsstunde ist mehr als eine Abfolge von Methoden, Materialien und Medien. Der Referendar lernt in der Ausbildung, kreativ damit umzugehen und ein spannendes Lernarrangement zu entwickeln, das die Schüler und das Thema nicht aus dem Blick verliert.
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Ich betrat wortlos den Klassenraum und setzte mich in der Mitte auf den Boden, zog meine Knie an und legte meinen Kopf darauf. Nach einigen Minuten herrschte Unruhe unter den Schülern.

„Herr Thömmes, was ist mit Ihnen los?“

„Sind Sie krank?“

„Können wir Ihnen helfen?“

Nach kurzer Zeit stand ein Schüler auf und setzte sich neben mich. Er legte seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Kann ich Ihnen helfen?“

Ich blieb stumm und regungslos. Es vergingen nochmals einige Minuten, und plötzlich spürte ich, dass zwei Schüler mich an den Armen packten und mich aufstellten.

„Es wird alles gut!“, sagte einer ...

Ich gebe zu, es war eine verrückte und dramatische Szene, die ich als Unterrichtseinstieg gestaltet habe. Aber sie zeigte eine sehr positive Wirkung. Im Fokus stand von Beginn an ein Problem, das die Schüler erkennen und lösen sollten. Wie kann ich Menschen helfen, die von der Last des Lebens und von ihrer Angst erdrückt werden?

Die Schüler entwickelten kreativ eigene Lösungsmöglichkeiten durch ganz konkrete Handlungssituationen, die sie  praxisnah erprobten und weiterentwickelten. Das von mir inszenierte Rollenspiel entwickelte eine eigene Dynamik durch das kreative Denken und Handeln der Schüler. Wir spielten die Situation mehrmals durch und diskutierten die Alternativen.

Aus dieser Erfahrung ergeben sich für mich mehrere Erkenntnisse für die Unterrichtsplanung und -gestaltung:

  • Unterricht ist mehr als Wissensvermittlung. Die Schüler haben keinen Trichter auf dem Kopf, in den der Lehrer das Wissen hineinschüttet und das er jederzeit abfragen kann. Es sind vielfältige Kompetenzen, die gefördert werden.
  • Unterricht ist mehr als ein wahlloses Aneinanderreihen von Materialien, Medien und Methoden, die irgendwie passen sollen. Es ist ein kreativer Prozess aufseiten der Schüler und des Lehrers.
  • Unterricht ist mehr als Fragen zu stellen und auf richtige Antworten zu warten. Vielmehr lernen die Schüler, die richtigen Fragen zu stellen. Sie erkennen zunächst ein Problem, analysieren die Situation und setzen sich Schritt für Schritt mit Lösungsmöglichkeiten auseinander.

Jeder Schüler, jeder Lehrer, jedes Fach, jedes Thema und jede Methode hat ein eigenes Potenzial, das erkannt und genutzt werden will. Es sind die Bausteine eines Unterrichtsfundamentes, die flexibel und mit viel Fantasie entfaltet werden können. Und dabei muss jeder seine eigene Form der Kreativität finden.

Als ich mein Rollenspiel den Referendaren in einem Fachseminar vorstellte, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich.

„Das würde ich mich nie trauen.“

„Ich mache mich doch nicht lächerlich.“

„Das Thema würde ich lieber in einem Unterrichtsgespräch erarbeiten.“

Kreative Menschen brauchen Mut, weil sie bereit sind, Neues zu entwickeln. Und das gilt auch für den Lehrerberuf. Aber es lohnt sich!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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