Kolumne

Lernwerkstätten

Es ist eine spannende und herausfordernde Aufgabe, Referendare in ihrer Lehrerausbildung zu begleiten. Die Verantwortung ist groß, denn es geht zum einen darum, kompetente und gute Lehrer auszubilden, die ihr Handwerk beherrschen. Aber es geht auch noch um viel mehr.
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Fachleiter ist ein wunderbarer Beruf mit täglich neuen Herausforderungen. Ich bin für eine bestimmte Zeit Wegbegleiter und Berater. Es geht immer um den Menschen, die Entwicklung von Potenzialen und Kompetenzen, um Stärken und Schwächen. Ich kann jungen Lehrern helfen, das eigene Profil zu entwickeln und zu schärfen. Es geht mir persönlich vor allem darum, die Lust am Unterrichten zu fördern und gemeinsam mit den Referendaren spannende Unterrichtsszenarien zu entwickeln, durchzuführen und zu reflektieren.

Das macht Spaß und Laune. Doch gelegentlich erlebe ich in der Begegnung mit Lehrern in den Ausbildungsschulen auch seltsame Verhaltensweisen. Sobald man als Fachleiter erkannt wird, verändern sich bei manchem Kollegen plötzlich Gestik, Mimik und Verhalten. So, als hätte er eine unheimliche Begegnung. Gelegentlich erlebe ich, dass selbst gestandene Pädagogen in der Erinnerung an ihre eigene Zeit als Referendar bestimmte Emotionen auf alle Fachleiter übertragen, die ihnen begegnen.

Manche fassen es auch in Worte: „Da kommen die vom Studienseminar und wollen uns zeigen, wie Unterricht geht!“ oder „Und jedes Jahr kommen sie mit neuen Ideen und bringen Unruhe in die Schulen. Konstruktivismus, Hattie, Meyer, Klippert. Ständig wird eine neue pädagogische Sau durch die Schule getrieben.“ Die eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen der Lehrerausbildung sind vielfältig und werden in den Schulalltag mitgenommen. Da ist Gelassenheit angesagt!

Studienseminare sind Orte, an denen immer wieder neue Ideen erprobt, aber auch verworfen werden. Das kann Verunsicherung hervorrufen, die die Referendare und die Seminar- und Fachleiter in die Schulen tragen. Es ist andererseits sehr schön zu beobachten, wie so mancher Mentor plötzlich von seinem Referendar lernt und dessen Ideen und Methoden in seinem eigenen Unterricht ausprobiert.

Ohne die Schulen und den Unterricht sind die Seminare nichts, und ohne die Studienseminare verpassen manche Schulen den Anschluss an neue Lern- und Lehrformen. Andererseits sind Schulen aber auch Lernwerkstätten und pädagogische Experimentierfelder, die immer wieder an neuen Modellen und Möglichkeiten arbeiten. Beide Einrichtungen können sich gegenseitig inspirieren und ergänzen. Das braucht Offenheit und Kooperation. Es geht um gegenseitige Bereicherung und Unterstützung.

In diesem Zusammenhang hat der Referendar eine ganz besondere Rolle. Er steht mittendrin in diesem Prozess der pädagogischen Weiterentwicklung. Er ist ein Teil davon. Verständlich, dass der Lehramtsanwärter möglichst unbeschadet seine Ausbildungszeit überstehen will. Andererseits kann es für ihn hilfreich sein, sich in die Welt seiner Ausbilder hineinzuversetzen. Vielleicht sollten alle an der Ausbildung Beteiligten dieses Anliegen besser kommunizieren.

Übrigens gibt es auch viele positive Begegnungen und Erfahrungen in den Schulen. So sagte ein Schulleiter voller Stolz: „Ich bin froh, dass die Referendare frischen Wind in unser eingefahrenes Schulsystem bringen. Sie bereichern unsere Schule mit ihren neuen Ideen und Methoden.“

Wir dürfen den Auszubildenden ruhig öfter zurückmelden, dass sie eine Bereicherung für die Schulen sind. Und wir sollten mit Bedacht und Zuversicht auf die Lehrer von morgen achten.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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