Kolumne

Täuschungsversuche

Trotz der pädagogischen Veränderungen und Fortschritte, die Auswirkungen auf den Unterricht haben, spielt die Note auf dem Zeugnis noch immer eine entscheidende Rolle. Für jeden Lehrer gehört es daher zu den großen Herausforderungen seines Berufes, einen möglichst gerechten und transparenten Notenfindungsprozess zu gestalten. Und auch die Prüfungssituation und -umgebung sollten professionell und ansprechend gestaltet sein.
startklar-orange

Am Anfang des Schuljahres, wenn ich die Namen der Schüler noch nicht kenne und ich einen bestimmten Schüler anspreche, antwortet fast immer sein Nachbar, in der Annahme, dass ich ihn angeschaut habe. Das ist aber nicht der Fall, da ich mit meinem linken Auge so stark schiele, dass dies zu der Fehlannahme führt. Weil ich diesen Sehfehler jedoch eher locker nehme, habe ich immer wieder großen Spaß bei dieser Verwirraktion. Zudem führt es zu einer lockeren Unterrichtsatmosphäre in der Kennenlernphase. Und manchmal passiert es sogar, dass der übernächste Nachbar antwortet, weil mein Auge total verrückt spielt. 

Dabei wird den Schülern aber auch schnell klar, dass sie nie genau wissen können, wohin ich blicke und wen ich anschaue. Das mache ich mir auch zunutze während der Aufsicht bei schriftlichen Überprüfungen und Leistungsnachweisen. Niemand kann genau sagen, wohin mein Blick gerichtet ist: Ist es die Wand, die Tafel, oder ist es das auffällige Verhalten eines Schülers?

Und so kann ich gelassen am Pult sitzen oder meine Runden im Klassenraum drehen. Täuschungsversuche sind eher selten wegen des unberechenbaren Lehrerblicks.

Jeder Lehrer war auch einmal Schüler und kennt diese Situation, in der die Arbeitsblätter verteilt werden, es einige erläuternde Worte des Lehrers gibt, Unklarheiten beseitigt werden – und dann läuft die Zeit. Es gibt Schüler, die haben fleißig gelernt, andere können nicht alle Themen befriedigend bearbeiten, und wieder andere liefern ein weißes Blatt ab. Wissen, Halbwissen und Nichtwissen spiegeln sich meistens sehr deutlich in dem Gesichtsausdruck und dem Verhalten der Schüler wider. Angst, Verzweiflung oder Ratlosigkeit sollten hierbei keine Begleiter sein.

Die Prüfungssituation hängt auch immer wieder damit zusammen, wie die Schüler darauf vorbereitet wurden. Viele Unsicherheiten können im Vorfeld durch Üben und Wiederholen geklärt werden. Und dabei ist häufig eine individuelle und differenzierte Unterstützung notwendig. Das Lernen kann ich als Lehrer nicht alleine auf den Schüler übertragen. Ich bin als Lernbegleiter gefragt. Diese Lehrerrolle ist in den letzten Jahren immer bedeutender geworden. Die Schüler sollten wissen, was bei einer Überprüfung auf sie zukommt. Und dazu gehört auch die Art der Fragestellung des Lehrers ebenso wie die Offenlegung der Bewertungskriterien.

Zu Täuschungsversuchen während einer Arbeit kann es im Übrigen nur kommen, wenn sich die Schüler unzureichend darauf vorbereitet haben bzw. sie nicht gut darauf vorbereitet wurden. Also ist die beste Vorbeugung gegen Täuschungsversuche ein intensives Training. Dazu noch ein hilfreicher Tipp: Fast jeder Schüler schreibt in der Vorbereitung auf die Arbeit einen Spickzettel. Die Schüler tauschen diese untereinander aus und korrigieren sich gegenseitig. Also gewissermaßen eine Art Lernen durch Schummeln.

Übrigens kann mein Schielen im Alltag auch zu peinlichen Situationen führen. So habe ich mich nach einem Unterrichtsbesuch einmal mit einer Referendarin unterhalten, und die daneben sitzende Schulleiterin antwortet auf eine Frage, die ich ihr gar nicht gestellt habe.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: