Kolumne

Unbeachtet

Damit sich ein Mensch gut und gesund entwickeln kann, braucht er Beachtung und Zuwendung. Er will achtsam wahrgenommen werden. Das betrifft nicht nur das Elternhaus, sondern auch alle anderen sozialen Bindungen. Auch der schulische Unterricht hat hier eine wichtige Aufgabe.
startklar-tafel

In meiner eigenen Schulzeit war es mir besonders wichtig, dass meine Lehrer ein positives Bild von mir hatten. Dies galt besonders für die Fächer, die mich sehr interessierten. Doch es gab einen Lehrer, bei dem ich am liebsten unbemerkt oder sogar unsichtbar gewesen wäre. Unser Lateinlehrer hatte nämlich das Ritual eingeführt, am Beginn jeder Stunde vier Schüler auszuwählen, die sich einer kurzen schriftlichen Überprüfung unterziehen mussten. Meine vielfältigen Untertauchaktionen scheiterten stets kläglich.

Natürlich ist dieses Nicht-beachtet-werden-Wollen eher ein Ausnahmefall, denn jeder Mensch braucht Beachtung und Wertschätzung. Doch in vielen Familien sieht die Realität anders aus. Eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld kam zu dem Ergebnis, dass sich fast jedes dritte Kind und jeder fünfte Jugendliche von seinen Eltern nicht beachtet fühlt.

Keine Rolle spielen dabei die Familienkonstellation, der soziale Status oder der kulturelle Hintergrund. Auch die weit verbreitete Annahme, dass die Kinder Alleinerziehender besonders betroffen seien, wurde durch die Studie widerlegt. Meist haben sie sogar die volle Aufmerksamkeit des einen Elternteils.

Als Konsequenzen der Nichtbeachtung weisen die Wissenschaftler auf Defizite im Selbstbewusstsein, in der Lebenszufriedenheit und bei der Entwicklung der Empathiefähigkeit hin. Erschreckend ist die Erkenntnis, dass nicht vorhandene Achtsamkeit für die Entwicklung von Kindern so gravierend ist wie ein Leben in Armut. (www.presseportal.de/pm/113164/3670683)

Wichtig für uns als Lehrer ist die Erkenntnis, dass die Schule diesen Mangel an Zuwendung nicht ersetzen kann. Ich kann jedoch durch mein konkretes Handeln als Lehrer einige Akzente setzen. Dazu einige Anregungen:

  • Ich bin in meinem Unterricht mit allen Sinnen präsent.
  • Ich wende mich jedem einzelnen Schüler aufmerksam zu. Beziehungsarbeit ist ein wesentlicher Faktor meines Unterrichts.
  • Wir üben ein achtsames Verhalten.
  • Ich sage und zeige den Schülern, dass sie mir wichtig sind..
  • Ich interessiere mich für die Lebensumstände meiner Schüler.
  • Ich versuche, alle Schüler im Blick zu behalten.
  • Ich spreche alle Schüler mit ihrem Namen an.
  • Ich melde meinen Schülern nicht nur ihre Defizite zurück, sondern lobe sie mit ihren Stärken.
  • Ich ermuntere zurückhaltende und stille Schüler unaufdringlich und freundlich zur Mitarbeit.
  • Ich zeige durch mein Beispiel, wie aktives Zuhören funktioniert.
  • Ich nehme mir Zeit für Gespräche auch außerhalb des Unterrichts.
  • Ich grüße die Schüler freundlich beim Begegnen in oder außerhalb der Schule.
  • Ich habe ein offenes Ohr für die kleinen und großen Sorgen meiner Schüler.

Das aufmerksame Beachten der Schüler macht deutlich, dass die Schule nicht nur eine Bildungseinrichtung ist, sondern auch auf das Leben vorbereiten kann. Auch das hat mit der oft zitierten Schulqualität zu tun. Denn gerade dieses Lebenswissen fördert die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen und macht sie fit für die Gestaltung ihres Alltags. Eine schöne Kompetenz, die alle Lehrer ganz vorne auf ihrem geheimen Lehrplan notieren sollten.

Übrigens wollen auch Lehrer beachtet werden. Von Schülern und Eltern, von Kollegen oder der Schulleitung. Manchmal genügen ein freundliches „Guten Morgen!“ oder ein wortloses Lächeln, um den Schulalltag positiv zu starten und zu gestalten.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: