Kolumne

Verweigerung

Manchmal mutet es an wie ein heiliges Ritual: Der Lehramtsanwärter steht extrem nervös und angespannt im Klassenraum und wartet auf die Kommission, die seinen Unterricht begutachten soll. Die Schüler hat er vorher entsprechend informiert und mit ihnen einige Phasen des Unterrichts besprochen. Dann klopft es an der Tür. Der Puls erhöht sich schlagartig. Die Damen und Herren betreten den Raum, grüßen freundlich und setzen sich auf die für sie vorbereiteten Plätze. Der Unterricht kann beginnen.
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Der Referendar eröffnet die Stunde mit einem Brainstorming und fordert die Schüler auf, ihre Ideen an die Tafel zu schreiben. Doch diese zeigen keine Reaktion und bleiben sitzen. Auch weitere Aufforderungen können die Schüler nicht zur Mitarbeit motivieren. Sie verweigern sich. Von einem auf den anderen Moment bricht das durchstrukturierte Konzept zusammen, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Zugegeben, der geschilderte Vorgang klingt wie ein Albtraum. Doch er kann bei ungenügender Vorbereitung auf der zwischenmenschlichen Ebene zur Realität werden. Hier kann der angehende Lehrer vorbeugen und dann sogar gelassen mit solchen Situationen umgehen.

Ein Referendar ist häufig angewiesen auf das Wohlwollen seiner Schüler. Gut geplante Unterrichtskonzepte mit spannenden Lernarrangements und kreativen Methoden können nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn eine angenehme und motivierte Lernatmosphäre herrscht. Und hier muss er viel Zeit in eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung investieren. Ein gutes Lernklima sollte sich nach und nach entwickeln und vor allem echt sein und nicht inszeniert. Dann sind die Schüler auch gerne bereit, ihren Lehrer bei Lehrproben und Unterrichtsbesuchen zu unterstützen. Eine gute Beziehung wird so zu einer natürlichen Form der Aktivierung.

Die Beziehungsarbeit ist ein wichtiger Aspekt im Laufe der Ausbildung, denn Erziehung braucht vor allem Beziehung. So gibt es Klassen, zu denen die Chemie von der ersten Stunde an stimmt. Natürlich kann man als Lehrer nicht zu allen Schülern und zu jeder Lerngruppe ein gutes Verhältnis haben. Sie können auch in einer Klasse landen, in der Ihnen die Schüler von Anfang an unsympathisch sind. Der Unterricht wird zu einem Beziehungsdrama.

Und es gibt Klassen, da fühlt sich der Lehrer wie ein Dompteur, dessen pädagogische Maßnahmen einer Dressur ähneln. Die Schüler machen zwar einen zahmen Eindruck, doch es ist nicht abzusehen, wie sie sich im nächsten Moment verhalten werden. Im normalen Unterrichtsgeschehen kann dies für einen Referendar eine große Herausforderung bedeuten, in der er selbst in seiner Lehrerpersönlichkeit reifen kann. Das ist Schulalltag!

Auch im Rahmen der Unterrichtsbesuche sollte dies kein Problem darstellen, wenn der Schwerpunkt in der Lehrerausbildung auf echter Beratung und Förderung der Kompetenzen liegt. Dann darf der Lehramtsanwärter auch Fehler machen, und es bedarf keiner Showstunden, mit denen man der Kommission gefallen will. Dabei gehören auch das Scheitern und der Umgang mit unberechenbaren Situationen zu den pädagogischen Grundhaltungen, die geübt werden können.

Dazu möchte ich Ihnen noch einige Ermutigungen anbieten:

  • Bleiben Sie nach Möglichkeit gelassen, bewahren Sie Ruhe. Denn Hektik und Unruhe übertragen sich schnell auf die Schüler.
  • Sie können sich Ihre Schüler nicht aussuchen, aber Sie können sich entscheiden, mit welcher Haltung Sie ihnen entgegentreten.
  • Bleiben Sie echt in Ihrem Verhalten und Sprechen.
  • Schenken Sie den Kindern und Jugendlichen Beachtung, Wertschätzung und Respekt. Das gilt ausnahmslos für alle. Dabei müssen Sie nicht unbedingt alle mögen.
  • Entwickeln Sie eine zufriedene Grundhaltung, denn zufriedene Lehrer haben meist auch zufriedene Schüler.
  • Es ist einfacher, freundlich und nett zu sein, als immer nur auf der Suche nach Fehlern.
  • Seien Sie fair und konsequent in Ihrem Handeln.
  • Sie können sich ständig ärgern, müssen es aber nicht.
  • Bewahren Sie sich einen Funken Humor, mit dessen Hilfe sich viel besser leben lässt.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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