Kolumne

Vom Wunder der Regeln

Rituale geben Schülern und Lehrern Sicherheit und bringen Struktur in das Unterrichtsgeschehen. So kann jeder Lehrer seine individuellen wiederkehrenden Handlungen und Routinen in seinen Unterricht integrieren.
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Als Autofahrer kann ich im Straßenverkehr viel über Menschen lernen. Da gibt es die rücksichtslosen Raser und die Paragrafenreiter, übervorsichtige und unsichere Fahrer, Provokateure und Schleichnasen, Drängler, Anfänger, Dauerbremser und solche, die fahren, wie sie wollen.

All diese unterschiedlichen Charaktere sind unterwegs auf den Straßen. Beliebte Aufreger sind nicht gesetzte Blinkzeichen beim Fahrbahnwechsel, gewagte Überholmanöver oder Fahrer, die das Prinzip des Reißverschlusssystems nicht kapieren. Damit der Verkehr geordnet läuft, gibt es vielfältige Verkehrszeichen und -regeln. Sie sollen unsere Straßen sicherer machen und Ruhe in den Verkehrsfluss bringen.

Im schulischen Unterricht erlebe ich ähnliche Typen und Situationen. Ich spreche gerne von der bunten Vielfalt, der wir als Lehrer begegnen. Die Unterrichtssituationen und -szenarien mit ihren vielen Sprech- und Handlungsmöglichkeiten sind vielfältig. Um dabei ein geordnetes Miteinander zu fördern, sind – ähnlich dem Straßenverkehr – Rituale und Regeln hilfreich. Dabei entwickelt jeder Lehrer ein eigenes Repertoire, das ihn sein gesamtes Berufsleben begleiten kann.

Ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl solcher Rituale entwickelt und erprobt. So erkundige ich mich z. B. beim Betreten eines Klassenraums als Erstes nach der Befindlichkeit der Schüler („Wie geht es euch/dir heute? Was gibt es Neues?“). Das schafft oft eine gute und vertraute Arbeitsatmosphäre im weiteren Unterrichtsverlauf.

Seit einigen Jahren beginne ich den Unterricht in unruhigen Klassen mit einer kleinen Stille-Übung, die ich vor Jahrzehnten noch bei Kollegen belächelte und als autoritär abtat. Ich stelle mich vor die Klasse, und alle Schüler erheben sich. Wir bleiben einen Moment ruhig stehen und begrüßen uns anschließend. Damit setze ich ein Zeichen, das fast immer wirkt und zu einer gewohnten Handlung wird. Ich signalisiere ein wichtiges Unterrichtsprinzip: In der Ruhe liegt Kraft!

Auch am Ende meines Unterrichts – vorwiegend vor Pausen – gibt es ein Ritual, bei dem der gemeinsame Abschluss deutlich werden soll. Wir sind zwei Minuten absolut still. Ein Schüler ist der Zeitnehmer. Wird die Stille nicht eingehalten, beginnt die Zeitrechnung bei null.

Manchmal können die Schüler auch meine Handlungen als Lehrer als Vorbild nehmen für das eigene Handeln. So sammle ich immer wieder beim Sprechen ohne mahnende Kommentare ganz nebenbei Papierschnipsel vom Boden auf und werfe sie in den Papierkorb. Fällt einem Schüler ein Stift zu Boden, gehe ich hin und hebe ihn auf.

Auch unterschiedliche gemeinsam vereinbarte Signale können dabei helfen, ein bestimmtes Verhalten einzunehmen oder zu beenden. Das können z. B. einfache Gesten oder Wörter sein. So kann ich allein durch das Aussprechen des Namens eines Schülers signalisieren, ob ich ihn zur Mitarbeit einlade oder ob ich ihn ermahne.

Solche Rituale müssen schrittweise eingeführt werden. Erfahrungsgemäß werden sie nach einiger Zeit des Übens zu einer Selbstverständlichkeit. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Rituale ist, wie der Lehrer sie einführt. Eine autoritäre Anordnung mit verbalen Strafandrohungen ist keine überzeugende pädagogische Handlung. Sinnvoll ist vielmehr ein transparentes Vorbereiten und Einüben der Unterrichtsrituale.

Übrigens spiele ich selbst im Straßenverkehr gelegentlich den Oberlehrer, wenn ein Autofahrer vor mir keinen Blinker betätigt. Ich überhole ihn und setze demonstrativ lange das Blinksignal. Zugegeben, es ist albern, aber es beruhigt!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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