Kolumne

Wie im Film

„Ich komme mir vor wie in einem Film“, lautet eine beliebte Redensart. Doch was passiert, wenn ich mir vorstelle, dass ich als Lehrer Teil eines Filmes bin, der Wirklichkeit ist.
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Gerne mache ich mit meinen Schülern ein Gedankenexperiment: „Stellt euch vor, ihr seid hier in der Schule in einem Film. Welches Genre würdet ihr wählen: Horror, Action, Komödie, Krimi, Western, Thriller oder ein Liebes-, Abenteuer- oder Märchenfilm? Die Einschätzungen der Schüler sind immer wieder Grundlage für gute Reflexionsgespräche.

Wenn es um die Themen Schule und Unterricht geht, fühlen sich viele Menschen als Experten. Denn wir alle waren irgendwann Schüler an einer oder mehreren Schulen. Wir hatten unsere Lieblingsfächer und Lieblingslehrer, wurden bevorzugt, benachteiligt, gemobbt oder beim Schummeln erwischt. Wer Kinder hat und mit dem Thema Schule konfrontiert wird, holt wie selbstverständlich seine eigenen Erfahrungen hervor. Da kommt entweder der längst verjährte Frust hoch oder die Kinder werden vertröstet mit Phrasen wie: „Stell dich nicht so an, ich habe die Schule auch überlebt.“

Noch interessanter wird es, wenn Menschen zu einem Klassentreffen zusammenkommen. Immer die gleichen Rituale: Es werden alte Geschichten hervorgekramt, und so mancher Altschüler inszeniert sich vor den ehemaligen Mitschülern mit vielerlei Erinnerungen und gelegentlich auch verklärendem Rückblick. Nicht selten werden so Schulfrust oder nicht verarbeitete Traumata bearbeitet.

Da verwundert es nicht, dass die Schule zu allen Zeiten auch in Film und Fernsehen ein beliebtes Thema ist. „Feuerzangenbowle“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Die Lümmel von der ersten Bank“, „Unser Lehrer Doktor Specht“, „Frau Müller muss weg“, „Rita“ oder aktuell „Fack ju Göhte“ bzw. „Der Lehrer“ lauten die Titel beliebter Schulfilme und -serien. Oft werden darin Klischees unterhaltsam verarbeitet oder überspitzt dargestellt. So können dabei durchaus auch kritisch bildungspolitische oder schulpädagogische Themen bearbeitet werden. Und vor einiger Zeit gab der Dokumentarfilm „Zwischen den Stühlen“ Einblicke in die Lehrerausbildung und den Alltag im Studienseminar und in der Schule. Die Dramatik eignete sich sogar als Kinofilm.

Als Lehrer beobachtet man in solchen Filmen vor allem das Verhalten der Kollegen und vergleicht es mit seinem eigenen. Dabei kann es durchaus interessante Anregungen für den eigenen Unterrichtsalltag geben. In „Fack ju Göhte“ gab es einige schöne Äußerungen einer Lehrerin: „Wenn dich einmal einer von den kleinen Scheißern umarmt oder so, dann sitze ich in der Falle. Lehrer für immer.“ „Mich erfüllt der Job. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass man noch etwas geraderücken kann, was zu Hause schiefläuft. Man kann die noch formen und richtige kleine Menschen aus denen machen.“ Und außerdem dürfen im Film Lehrer Grenzen überschreiten. Sie können sagen und tun, wovon so mancher Lehrer insgeheim träumt. Deshalb könnten solche Filme durchaus auch eine entlastende Funktion haben.

Die Reflexionsmethoden mithilfe von Filmgenres habe ich übrigens auch bei Lehrer-Fortbildungen genutzt. Da wurden so manch gestandener Pädagoge wieder zum Kind und spielte mit Vorstellungen in seiner Fantasie. Die Ergebnisse haben mich manchmal erschreckt. Denn immer wieder war von Horror und Drama die Rede. Das zeigt mir einmal mehr: Wir brauchen auch in der Realität der Schulen gute Geschichtenschreiber, Regisseure und Schauspieler.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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