Basics Referendariat

Psychischer Druck im Referendariat

Für viele junge Lehrerinnen und Lehrer stellt der Wechsel von der Theorie zur Praxis, von der Universität in die Schule eine enorme Belastung dar. Der psychische Druck setzt ein, weil den Referendaren oft nicht klar ist, was auf sie zukommt. Jedes Jahr absolvieren ca. 56.000 Lehramtsstudenten ihr Referendariat. Viele erleben in 1 ½ bis zwei Jahren einen Vorbereitungsdienst, der durch Stress, Arbeitsüberlastung und ständige Bewertungssituationen Probleme bereitet. Nicht selten setzen Schulleiter Referendare wie fertige Lehrer ein und stellen zu hohe Erwartungen an deren didaktische und methodische Kompetenzen.
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Was kommt auf mich zu?

Es gibt viel Neues zu entdecken – grundsätzlich nette Schülerinnen und Schüler, fast immer freundliche, hilfsbereite Kolleginnen und Kollegen, Eltern, die zwar manchmal kritisch, aber doch konstruktiv sind. Und es gibt Regeln und Rituale an der Schule, die sich in einem langen Prozess entwickelt haben.

Das alles zu erfahren ist spannend, braucht offene Augen und Ohren – und vor allem Zeit. Nur – die fehlt! Denn von der Realität, wie der Schulalltag funktioniert, wie das Unterrichten in der Praxis gelingt, davon bekommt man an der Universität nicht genug mit. An den Hochschulen wird insgesamt zu wenig auf das soziale Umfeld zwischen Schülern, Eltern und Lehrern eingegangen. Referendare empfinden, auf die neuen Aufgaben nur unzureichend vorbereitet zu sein, und fühlen sich oft allein gelassen.

Sie berichten von Arbeitszeiten bis zu 60 Stunden pro Woche, und manche glauben, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Entspannungsphasen sind selten bei zwölf Stunden eigenverantwortlichem Unterricht, Hospitationen, detaillierten Unterrichtsvor- und -nachbereitungen. In kurzer Zeit sollen sie fremde Schüler unterrichten, Zensuren geben, Schüler beraten, Lernzielkontrollen konzipieren, an Elternabenden teilnehmen und nicht zuletzt Fach- und Hauptseminare besuchen. Dazu kommen die arbeitsintensiven Lehrproben, die sich aufgrund der Verkürzung des Vorbereitungsdienstes in kürzeren Zeitabständen häufen.

Die Bewertung der Lehrproben, die ausschlaggebend für die Bewerbungschancen sind, erhöhen die psychischen Belastungen. Insgesamt besteht ein immenser Organisations- und Zeitdruck, sodass man sich leicht überfordert fühlt und den Vorbereitungsdienst als permanenten Härtetest empfindet.

Wie werde ich damit fertig?

Das ist vor allem die Perspektive, später in einem Beruf arbeiten zu können, der durch ein hohes Maß an Verantwortung für Erziehung und Bildung und Freude am Unterrichten gekennzeichnet ist. Allerdings braucht es einige Jahre, bis sich die eigenen professionellen Kompetenzen gefestigt haben und das Unterrichten durch

  • Freude,
  • Struktur und
  • Gelassenheit

geprägt ist.

Die zwölf bis 24 Monate des Referendariats fallen leichter, wenn sich Referendare mit Berufskollegen austauschen. Oft stellt sich heraus, dass andere die gleichen Probleme haben. Reden entlastet, auch gelegentliches Jammern kann nützlich sein. Gegenseitige Hilfe und Unterstützung führen zu mehr Gelassenheit.

Die psychische Belastung kann durch eine gelingende Kommunikation mit den Betreuungslehrern gemildert werden. Erfahrene Lehrkräfte empfinden es oft als persönliche Wertschätzung, wenn sie nach Tipps für Unterricht oder Stundenvorbereitung gefragt werden.

Wichtig ist, aufgrund der hohen Arbeitsbelastung die sozialen Kontakte nicht zu vernachlässigen. Für Kino, Theater, Sport oder Klönen muss unbedingt Zeit bleiben. Und nach einem anstrengenden Tag zur Belohnung der Eisbecher im Café, das Glas Wein oder Bier, ein Spaziergang.

Wo finde ich Hilfe?

Während des Referendariats helfen vor allem der Kontakt und der Austausch mit „Leidensgenossen“. Sicherlich gibt es auch im Seminar oder im Kollegium Lehrerinnen und Lehrer, die gern unterstützen.

Tipp: Viele Akademiker setzen Entspannungsübungen ein, um sich vom Berufsstress zu erholen. Entsprechende Kurse und Übungen bieten z. B. Volkshochschulen und Fitness-Studios an.

Günther Hoppe verfügt über langjährige Erfahrungen als Lehrer, Schulleiter und Regierungsschuldirektor. Während seiner Dienstzeit lagen seine Arbeitsschwerpunkte vor allem in den Bereichen externe Evaluation, Qualitätssicherung und -entwicklung für Schulen. Zudem konnte Günther Hoppe zusätzliche Qualifikationen als EFQM-Assessor erwerben und war in der Qualifizierung neuer Schulleiterinnen und Schulleiter beschäftigt.

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