Unterricht

Vertretungsstunden – viel mehr als nur ein notwendiges Übel

Vertretungsstunden stellen für viele Lehrkräfte eine eher ungeliebte Aufgabe dar. Sie bieten aber – frei von Erfolgskontrollen und Notendruck – viele didaktische und erzieherische Chancen.
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Vertretungsstunden als fester Bestandteil des Schulalltags

Vertretungsstunden gehören für alle Lehrkräfte zum Schulalltag. Immer wieder kommt es vor, dass das Kollegium einer Schule nicht komplett ist – sei es aufgrund von Erkrankungen, Teilnahme an Fortbildungen, Austauschmaßnahmen, Exkursionen etc.

Aus der Schulpflicht der Schülerinnen und Schüler resultiert die Pflicht der Schule, den Unterricht möglichst vollständig zu erteilen und der Aufsichtspflicht für die Lernenden nachzukommen. Da Unterricht nur dann ausfallen darf, wenn es keine sinnvolle oder den Lehrkräften zuzumutende Möglichkeit gibt, den Unterricht zu halten, müssen Einzelstunden vertreten werden.

Auch Referendare können mit der Erteilung von Vertretungsstunden beauftragt werden, wenn der Schulleitung keine andere Lehrkraft zur Verfügung steht.

So sind Lehrkräfte immer wieder in der Situation, spontan Unterrichtsstunden ihrer Kolleginnen und Kollegen übernehmen zu müssen.

Vertretungsstunden als Herausforderung

Die Tatsache, dass Vertretungsstunden von den meisten Lehrkräften eher als notwendiges und unvermeidliches Übel denn als Chance angesehen werden, beruht auf verschiedenen Gründen:

  • Häufig muss die jeweilige Vertretungsstunde sehr kurzfristig und zusätzlich zum eigenen Unterricht übernommen werden. Es bleibt wenig bis gar keine Zeit, sich auf die Stunde vorzubereiten.
  • Die Vertretungslehrkraft kennt nicht immer die Ziel- und Inhaltsvorgaben der zu vertretenden Kollegin bzw. des zu vertretenden Kollegen.
  • Häufig handelt sich beim Vertretungsunterricht um fachfremden Unterricht. Da es gerade in höheren Klassen nicht immer möglich ist, den Unterricht entsprechend kompetent zu gestalten, muss auf das eigene Fach zurückgegriffen werden. Die Erwartungen der Schülerinnen und Schüler decken sich dann u. U. nicht immer mit denen der unterrichtenden Lehrkraft.
  • Die Vertretungslehrkraft sieht sich einer unbekannten Lerngruppe gegenüber, und die Schülerinnen und Schüler müssen sich auf eine andere Lehrkraft mit einem anderen Unterrichtsstil, anderen Methoden und auch anderen Inhalten einstellen.

Vertretungsstunden als Chance

Aber Vertretungsstunden bieten sowohl für Lehrende als auch für Lernende die Chance, ganz ohne Noten- und fachlichen Druck, neue Erfahrungen zu machen. Interesse und Neugier der Schülerinnen und Schüler können geweckt werden. Gerade diese Stunden ermöglichen es, Wissen spielerisch und interaktiv zu erwerben, wofür im regulären Unterricht häufig die Zeit fehlt.

Insbesondere Themen, die von generellem Interesse und allgemeiner Bedeutung sind oder auch der Allgemeinbildung zugeordnet werden und sich häufig in den Randbereichen der Lehrpläne oder der Rahmenlehrpläne finden, können in Vertretungsstunden sinnvoll in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden.

Zu Ihrer Professionalität als Lehrerin bzw. Lehrer gehört es, dass Sie diese Aufgabe sinnvoll wahrnehmen und Vertretungsstunden halten, die mehr sind als Verlegenheitslösungen.

Handlungsempfehlungen

Damit Vertretungsstunden gelingen, sollten Sie sich mit einigen Aspekten und Anforderungen an Vertretungsstunden im Vorfeld beschäftigen:

  • Schülerinnen und Schüler nehmen Vertretungsstunden nur dann ernst, wenn Sie dies auch als Lehrkraft tun.
  • Die Erledigung von Hausaufgaben und die Selbstbeschäftigung stellen kein überzeugendes Konzept für Vertretungsstunden dar, haben im Einzelfall je nach Situation aber durchaus ihre Berechtigung.
  • Sie können in den seltensten Fällen nahtlos an den Unterricht der jeweiligen (Fach-)Lehrkraft anknüpfen. Legen Sie sich daher eine „Stundenreserve“ von Stunden an, die Sie bereits in ähnlicher Weise gehalten haben und aus dem Stand wiederholen können. So sind Sie für die Alltagssituationen gewappnet, in denen eine gründliche Unterrichtsvorbereitung nicht möglich ist.
  • Achten Sie darauf, dass für Vertretungsstunden nicht ganz genau bestimmte, inhaltliche Vorkenntnisse notwendig sind. Nutzen Sie die Gelegenheit für die Vermittlung von Allgemeinwissen oder zum Rätseln, Knobeln etc.
  • Problembezogene und erfolgsbestätigende Aufgabenstellungen wecken das Interesse der Schülerinnen und Schüler.
  • Nutzen Sie Vertretungsstunden, um die Schülerinnen und Schüler mit interessanten Inhalten und Methoden zu konfrontieren. Ziehen Sie sich als Lehrkraft nicht auf das Austeilen von Arbeitsblättern zurück, die sich auf reines Wiederholen beschränken.
  • Verwenden Sie die zahlreichen Materialien der verschiedenen Verlage zur Thematik Vertretungsstunden und denken Sie an die Möglichkeiten des Internets.
  • Gestatten Sie sich auch in Vertretungsstunden Offenheit, Humor, Gelassenheit und Neugierde auf die neuen Schülerinnen und Schüler.   JS

Die Autorin Juliane Stubenrauch-Böhme ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Deutsch, Französisch und Spanisch und Referentin in der Lehrerfortbildung.

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