Kolumne

Alleskönnerlehrer

Die Bildungslandschaft ist ständig in Bewegung. Fast täglich werden neue pädagogische Ideen und Konzepte entwickelt, die das Lehren, Lernen und Unterrichten verbessern sollen. Dabei als Lehrer auf dem neuesten Stand zu bleiben, ist neben dem schulischen Alltagsgeschäft nicht immer einfach.
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Und wieder einmal schauen Lehrer, Eltern und Bildungspolitiker überrascht und erwartungsvoll nach Finnland. Dort sollen bis zum Jahre 2020 die Schulfächer abgeschafft werden. Dieses Konzept soll nach Aussage finnischer Bildungspolitiker ins 21. Jahrhundert passen. Diese Pressenotiz hat für Diskussionsstoff und Fragen gesorgt: Heißt das nun, dass es in Finnland in Zukunft keinen Mathematik-, Deutsch-, Erkunde- oder Geschichtsunterricht mehr geben wird? Und wird diese Idee auch aus dem pädagogischen Vorzeigeland wieder einmal in andere Länder überschwappen? Müssen wir uns nun auch auf neue Konzepte einlassen und alles umkrempeln? Bin ich dafür ausgebildet?

Mich hat diese Idee beim ersten Lesen begeistert. Ich kann mir dieses Konzept auch für meine Arbeit gut vorstellen. Lehrer werden dann nicht mehr nur über ihre Fächer definiert oder mit einem fachlichen Stigma belegt. „Ach, Sie sind Mathelehrer ...“ Frei von Vorurteilen könnte ich dann auf die Frage nach meinem Beruf selbstbewusst mitteilen: „Ich bin Lehrer!“

Dabei erinnere ich mich an die Erzählungen meiner Eltern über ihre Schulzeit in einer Dorfschule. Acht Jahrgangsstufen wurden gleichzeitig von einem Lehrer unterrichtet. Die Vermittlung von Wissen stand im Vordergrund (Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Singen, Erdkunde und Geschichte).

Und auch die Aneignung gesellschaftlich anerkannter Werte wie Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Disziplin wurde gefordert. Dabei war vor allem das ruhige Sitzen auf dem Stuhl unbedingt einzuhalten, wobei der Lehrer besonders auf die aufrechte Körperhaltung achtete. Gute Erziehung war vor allem strenge Erziehung, die sich nicht selten in harten Disziplinierungsmaßnahmen äußerte.

Dieses strenge Bildungsideal hat sich glücklicherweise verändert, wobei nicht mehr der Lehrer als Autoritätsperson im Vordergrund steht, sondern das selbstständige, kompetenzorientierte und kooperative Lernen der Schüler. Und dabei steht die individuelle und differenzierte Förderung einzelner Schüler im Mittelpunkt. Der Lehrer wird zum Lernbegleiter und Berater.

Kommen wir zurück zur Meldung aus Finnland. Die Medien waren bei der Verbreitung der Nachricht wieder einmal zu schnell und ungenau. Es geht letztlich nicht um die Abschaffung der Fächer, sondern um Kooperation. Themen und Ereignisse sollen stärker interdisziplinär unterrichtet werden. „Phänomen Unterricht“ nennen die Finnen das Projekt, in dem das fächerübergreifende Lernen im Mittelpunkt stehen soll. Das Modell soll zunächst nur für Schüler über 16 Jahre umgesetzt werden. Und die für dieses Projekt besonders geschulten Lehrer erhalten eine Gehaltszulage.

Bei genauer Betrachtung wird dieser pädagogische Ansatz bei uns bereits in vielen Schulen umgesetzt in fächerübergreifenden, themenorientierten Projektphasen, bei denen die Schüler selbstorganisiert arbeiten und lernen. Und auch die Lehrer werden bereits in vielen Bundesländern so ausgebildet: Schüler für ein Thema begeistern und zum Selbstlernen motivieren, wobei der Lehrer seine Rolle als Lehrender nie aus den Augen verlieren sollte.

Lange Zeit war die Meinung verbreitet, dass der fachlich gute Lehrer auch automatisch gut unterrichten kann. Das hat sich zum Glück in den letzten Jahrzehnten verändert, und die Lehrerpersönlichkeit rückt wieder in den Vordergrund. Lehrer sollten fachlich kompetent sein, sich aber vor allem als gute Pädagogen präsentieren.

Ich kann als Lehrer kein Alleskönner sein. Doch ab und zu sollte ich über meinen fachlichen Tellerrand hinausschauen. Viele aktuelle Themen verlangen dies geradezu. Dann rückt nicht mein fachliches Wissen, sondern mein pädagogisches Können in den Vordergrund. Auch als Lehrer sollte ich offen sein für das entdeckende Lernen. Es lohnt sich!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädgogischer Fachbücher.

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