Kolumne

Ausbildungs-Kompass

Nach Beendigung des Lehramtsstudiums erhoffen sich viele angehende Lehrer, dass es im Referendariat nun endlich losgeht mit der Praxis. Doch meist müssen sie dann in der Seminarausbildung erleben, dass sie ihr praktisches Unterrichtshandeln ständig theoriegeleitet begründen und hinterfragen müssen.
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Kollaboration, Kommunikation, Heterogenität, didaktisches Konzept, Kompetenzorientierung, Motivierung, Lernatmosphäre, differenzierte Lernarrangements, Methodenrepertoire, Teamteaching, Handlungsorientierung, selbst organisiertes Lernen, ... mir wird ganz schwindlig bei all diesen pädagogisch-didaktisch-methodisch schwerwiegenden Begrifflichkeiten, die manchmal wie Worthülsen und Phrasen daherkommen.

Doch die einzelnen Wörter haben eine tiefere Bedeutung und sollten durch das eigene Unterrichtshandeln mit Inhalt gefüllt werden. Vor allem die schriftlichen Ausarbeitungen, in denen der Unterrichtsverlauf und die methodisch-didaktischen Planungen detailliert und systematisch erläutert und begründet werden sollen, bereiten so manchem Lehrer-Azubi große Probleme.

„Ich habe mir eigentlich vorgestellt, dass ich hier vor allem das Handwerk des Unterrichtens lerne. Und Handwerk heißt doch vor allem Praxis. Dann muss ich doch nicht alles nochmals theoretisch durchdringen und verkomplizieren!“ So beschwert sich ein sehr motivierter Anwärter, der die Nase voll hat von der ganzen Studiererei.

Eine andere Referendarin meint dazu: „Da könnte doch jeder Lehrer werden. Sich einfach vor eine Klasse stellen und drauflos unterrichten. Ich will schon wissen, warum ich etwas so oder so mache.“

„Unterrichten ist eine Kunst, und wir sind Künstler auf einem ganz hohen Niveau“, äußert sich eine weitere Studienreferendarin sehr selbstbewusst.

Schließlich bringt eine Gesprächsteilnehmerin einen sehr schönen Vergleich aus ihrem Lebensumfeld: „Mein Freund ist ausgebildeter Bäcker. Aber erst wenn er theoretisch versteht, wie der Prozess des Backens funktioniert, kann er das auch praktisch umsetzen. Immer wieder greift er auf seine theoretischen Grundlagen zurück, die irgendwann fest in ihm verwurzelt sind. Und wenn es so weit ist, hat er Spielraum für neue Backkreationen und kann experimentieren. So verhält es sich doch auch im Lehrberuf, oder?! Das Fundament muss sitzen!“

Es entsteht eine anregende Diskussion über das Grundverständnis der Lehrerausbildung. Für mich als Fachleiter ist es wichtig, vor Beginn der Ausbildung diese Grundlagen zu klären. Und dabei wird auch immer wieder deutlich, dass sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen die Lehrerausbildung beginnen. Wenn diese grundlegenden Fragen nicht geklärt sind, kommt es schnell zu Frust, Ärger oder Resignation.

Meine Tipps: Zieh dich nicht zurück, sondern bleibe immer im Gespräch mit deinen Ausbildern! Frage nach, wenn etwas unklar ist! Achte auf deinen Kompass in deiner Ausbildung, der dir immer wieder zeigt, wohin die Richtung geht. Und dabei ist entscheidend für deine Kompetenz und deine Berufszufriedenheit, dass du eine Lehrtätigkeit nicht nur verrichten, sondern dass dir auch bewusst ist, warum du es tust.

Gerne erinnere ich mich an meinen Unterricht in Bäcker-Klassen. Das Klagen über die Theorie war auch hier weit verbreitet. Einige von ihnen sind mittlerweile hervorragende Bäcker geworden oder haben sich erfolgreich weiterqualifiziert.

Und ich bilde jetzt eine ganz andere Art von Bäckern aus, und hoffe, dass auch sie ihr Handwerk einmal beherrschen und Spaß an ihrer wunderbaren Arbeit haben.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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