Kolumne

Berufsberatung konkret

Entscheidend für ein zufriedenes Lehrerdasein sind nicht nur fachliches Können und die Beherrschung des Handwerks. Wichtig ist ebenso eine gesunde Persönlichkeit mit einer widerstandsfähigen Konstitution. Dies zeigt sich auch in einem respektvollen Verhalten und einer damit verbundenen positiven Autorität. Vorurteile oder Überheblichkeit vergiften die Lernatmosphäre genauso wie ängstliche Unsicherheit.
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Als Lehrer an einer Berufsschule zählen die auszubildenden Köche, Bäcker und Fleischer schon immer zu meinen Lieblingsschülern. In ihrer direkten Art tragen viele Schüler das Herz auf der Zunge. So wusste ich immer, woran ich bei ihnen war. In den Küchen, Backstuben und Metzgereien ist der Umgangston eben rauer als im Lehrerzimmer. Wie in allen Lerngruppen war es für mich auch hier immer wichtig, zunächst ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern aufzubauen. Das Begutachten und vorsichtige Herantasten dauerte zwar immer eine Weile. Doch wenn der Knoten sich gelöst hatte, war es für mich stets eine Freude, mit diesen jungen Erwachsenen das Leben und die Welt zu erkunden.

Unvergessen bleibt für mich folgender Vorfall in einer Fleischerklasse: Recht unsicher stand ein Referendar am Lehrerpult und versuchte, den jungen Menschen das notwendige fachliche Wissen näherzubringen. Mit gut durchdachten und präzise ausgearbeiteten Folien und perfekt gestalteten Tafelbildern veranschaulichte er die Lerninhalte. Plötzlich stand ein Schüler auf und ging zum Lehrerpult. Er griff zum Schreibmäppchen des Lehrers, öffnete den Reißverschluss, drehte das Mäppchen um und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Ganz ruhig kehrte er um und ging zu seinem Platz zurück.

Der junge Lehrer brach verwirrt und erschrocken seinen Vortrag ab, schnaufte tief durch und beschimpfte den Schüler lautstark. Er rastete regelrecht aus und hatte die Situation und sein Verhalten nicht mehr im Griff.

Und wie reagierten die Schüler auf dieses Verhalten? Sie grinsten zunächst und begannen dann, lauthals zu lachen. Mit dieser Reaktion hatte der Lehrer-Azubi nicht gerechnet und flüchtete, die Tür knallend, aus dem Klassenraum. Für die Schüler folgten Gespräche mit dem Klassenlehrer und der Schulleitung. Eltern und Ausbildungsbetriebe wurden benachrichtigt. Das Verhalten der Schüler hatte Konsequenzen.

Noch am Tag des Geschehens hatte ich Unterricht in der Klasse und zeigte mich betroffen. „Wie könnt ihr nur so respektlos mit dem jungen Kollegen umgehen. Er steht erst am Anfang seines Berufslebens und will gerne als Lehrer arbeiten."

Die Reaktion der Schüler war direkt und kompromisslos: „Wenn er das schon nicht verkraftet, ist er als Lehrer nicht geeignet und sollte lieber was anderes machen!" Auch meine Appelle an das Gewissen und der Verweis auf die Ausbildungssituation, die doch ihrer eigenen Rolle ähnlich sei, brachte keine Einsicht. Die jungen Leute wehrten sich dagegen, als Täter gesehen zu werden und der Lehrer als Opfer.

Ich habe in den vergangen Jahren oft an diese Situation und die etwas härtere Form der Berufsberatung gedacht. So begegne ich gelegentlich Referendaren, die bereits in der Ausbildung keine Freude finden am Lehrerdasein und sich von Stunde zu Stunde quälen. Das Erlernen des pädagogischen Handwerks fällt schwer, und die Schüler werden nicht selten als Problem empfunden. Entsprechend ist das gegenseitige Verhalten respektlos, und Unterrichtsstörungen gehören zum Schulalltag. Trotz intensiver Beratung und einfühlsamer Gespräche der Ausbilder ziehen sie die Sache bis zum Ende durch. Und sie werden nicht selten unglücklich oder krank in ihrem Beruf, der keine Berufung zu sein scheint. So habe ich mittlerweile auch ein wenig Verständnis für die oben beschriebene harte „Lehrprobe“ der Schüler.

Der junge Kollege hat übrigens Konsequenzen gezogen und früh genug das Handtuch geworfen. Ich wünsche Ihnen den Mut, die Chance zu nutzen und sich ab und zu den Schülern zu stellen und sich deren Rat einzuholen. Auch wenn dies ein unbequemer Weg werden könnte.

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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