Kolumne

Entschleunigung

Unsere Schulen sind nicht immer Orte glücklicher Bildungsharmonie und Lehren und Lernen nicht selten mit Überlastung und Ruhelosigkeit verbunden. Daher sollten sich Lehrer und Schüler immer wieder Zeiten wohltuender Entspannung und Entlastung gönnen.
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Eines meiner schönsten Unterrichtserlebnisse liegt bereits über 20 Jahre zurück, doch es bleibt für mich unvergesslich gut in Erinnerung.

In einer Ausbildungsklasse für Fleischer gab es großen Ärger. Der Unterricht wurde in den meisten Fächern durch einige Schüler massiv gestört. Selbst Ordnungsmaßnahmen waren nicht besonders erfolgreich. Ich beschloss, einen ungewöhnlichen Weg zu gehen, und plante einen Meditationskurs. Ich wollte mit den Schülern Übungen zur Ruhe und  Entspannung ausprobieren. 

Obwohl ich kaum Disziplinprobleme in der Klasse hatte, gestaltete sich das Vorhaben anfänglich ein wenig holprig, da es einige Widerstände gab. Diese waren jedoch eher persönlicher Art: „Ich kann die Augen nicht schließen, da kommen bei mir so komische Bilder!“ oder „Ich muss einfach immer rumhampeln. Das beruhigt mich!“

Wir unterhielten uns ausführlich über die Bedenken und Ängste, aber auch über die eigenen Wünsche. Schritt für Schritt übten wir, die Augen zu schließen, ruhig zu atmen und mithilfe innerer Bilder die Kraft der Fantasie zu nutzen, um so zu entspannen.

An einem Tag betrat ich den Klassenraum. Die Schüler lagen bereits mit geschlossenen Augen auf den Tischen und im Hintergrund lief leise Musik. Das Experiment „Meditieren mit Fleischern“ war gelungen.

Ich habe solche Entspannungs- und seit einigen Jahren Achtsamkeitskurse mit vielen unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Für so manchen Teilnehmer ist der schwierigste Punkt das Entschleunigen, das Aussteigen aus dem Kreislauf der Hektik und das Ausblenden der beunruhigenden Gedanken, die ständig im Kopf herumschwirren. Doch das Loslassen und das Sich-Einlassen auf den heilenden Prozess der Ruhe und Entspannung hat Auswirkungen auf den Alltag, besonders auf die Gestaltung der Arbeitszeit.

Blicke ich in unsere Schulen, fällt mir besonders auf, dass es kaum ruhige Rückzugsorte gibt. Pausen sind selten wirkliche Pausen. Und so manches Lehrerzimmer gleicht mit seinem lauten Stimmengewirr einem unruhigen Bienenstock.

Es sind auch gar nicht immer die großen Entspannungsprogramme, die Wirkung zeigen. Bereits geringe Veränderungen im Schulalltag können hilfreich sein, um eine Kultur der Entschleunigung zu schaffen. Wie wäre es einmal mit einer Pause frei von Publikumsverkehr oder Telefonaten? Einfach nur dasitzen, durchatmen, den Apfel und das Pausenbrot genießen und Kraft tanken. Manchmal können bereits 10 Minuten Wunder wirken. Oder ein Raum der Stille, in den sich Schüler und Lehrer zurückziehen können, um zur Ruhe zu kommen.

Im Rahmen des Referendariats halte ich Angebote zur Entspannung neben dem pädagogischen Programm für sinnvoll. Das Erlernen von Entspannungs- oder Meditationstechniken ist hilfreich für ein gesundes Lehrerdasein. Hier kann ggf. auf externe Übungsleiter zurückgegriffen werden. Manchmal haben auch Studienreferendare Erfahrungen in diesem Bereich (z. B. Qi Gong, autogenes Training, Meditieren), die sie einbringen können.

Ob die Meditationsübungen in der Fleischerklasse auch Auswirkungen auf den Unterricht der Kollegen hatten, ist mir nicht mehr in Erinnerung geblieben. Ich weiß aber noch, dass wir während der gesamten Ausbildungszeit immer wieder entspannte Phasen eingelegt haben, was sich besonders in Prüfungssituationen als sehr hilfreich erwiesen hat.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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