Kolumne

Experimentierendes Lernen

Manchmal gebe ich den mir anvertrauten Referendaren den Tipp mit auf den Weg, ohne die üblichen vollgepackten Taschen in die Schule zu gehen und ganz ohne Hilfsmittel zu versuchen, die eine oder andere Unterrichtsstunde zu gestalten. So sollen sie sich freischwimmen und sicher werden im Ablauf der verschiedenen Unterrichtsphasen und der Gesprächsmoderation. Diese sich entwickelnde Sicherheit weckt Neugier und Kreativität und macht Mut und Lust, festgefahrene Wege zu verlassen.
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Seit einigen Jahren geht der Trend zu immer größeren Lehrertaschen. Ich komme mir in der Schule manchmal vor wie auf einem Flughafen, wenn die Kollegen die großen schwarzen Pilotenkoffer hinter sich herziehen. Geballtes Wissen auf zwei Rädern. Der perfekte Begleiter für die Materialschlacht, die man Unterricht nennt. So mancher Schulbuchverlag hat mittlerweile eine Marktlücke für Lehrertaschen entdeckt.

Bereits als Schüler habe ich meine Mathematiklehrer bewundert, die mit ihrem Lehrbuch unter dem Arm von Klasse zu Klasse gingen. Da war alles drin, was man im Unterricht brauchte. Für das Drumherum wie Anschreiben, Reden, Zuhören, Vorlesen, Diktieren und Fragenstellen brauchte man keinen Koffer.

Weniger ist mehr – das trifft auch auf die Gestaltung von ansprechenden Lernarrangements zu. Inszenierte Showstunden sind häufig überfrachtet, sollen möglichst perfekt daherkommen und sind so nicht immer authentisch. Sie werden berechnend und maßgeschneidert für den Fachleiter und die übrige Begutachtungskommission geplant und abgearbeitet. Auf was legt er Wert? Was mag er? Welche Methoden liebt er? Wie war das noch mal bei der letzten Lehrprobe? Bedeutsam für mich ist die Lehrerpersönlichkeit, die mit ihrem Körper und Geist und ihrer Seele hinter dem Unterrichtshandeln steht.

Auch der Weg zum professionellen Lehrerhandeln führt über das alte Prinzip von Versuch und Irrtum. Als Fachleiter will ich nicht nur erleben, was der Auszubildende gut kann, sondern an welchen Baustellen er arbeitet und wie er im Unterricht experimentiert. Ich will erfahren, wie er zunehmend sicherer wird und mit Lust und Freude gemeinsam mit den Schülern den Unterricht gestaltet.

An diesem Punkt setzt auch eine gute Beratung an. Dabei sollte nicht die Defizitorientierung im Mittelpunkt stehen, sondern die Beachtung und Förderung der Potenziale und Ressourcen. Auch im Lehrerberuf fördern Erfolgserlebnisse das Selbstbewusstsein und motivieren zu weiterem Engagement. Frust und mangelnde Wertschätzung führen eher zur Demotivation und erzeugen Stress.

Der Lehrer muss sein Handwerk beherrschen. Und das ist vor allem ein sehr persönlicher Weg, denn es gibt keine genormten Lehrer aus der Konserve. Eine effektive und nachhaltige Ausbildung sollte vor allem die schulische Realität im Blick haben, der sich der Neulehrer nach seiner Lehrzeit stellen muss. Die Unterrichtsverpflichtung wird plötzlich mehr als verdoppelt, und es bleibt keine Zeit für langatmige Ausarbeitungen von Stundenkonzepten. Denn neben der Schule gibt es auch noch ein anderes Leben mit vielen schönen Dingen.

Eine gute Hilfe bei der Entwicklung des eigenen pädagogischen Profils ist die kollegiale Hospitation, die leider zu wenig genutzt wird. Denn das setzt voraus, dass ich bereit bin, meinen Unterricht zu öffnen und konstruktive Beratung zuzulassen. Hier können Referendare gute Vorbilder sein für ein gegenseitiges Lernen und eine offene Lernkultur unter Lehrern. Vielleicht öffnet so einer der ängstlichen Kollegen, der in seinem Autonomiebestreben den Klassenraum zu einer geschlossenen Veranstaltung macht, auch einmal seine Unterrichtsschatzkiste für den wissbegierigen Referendar. Beide können voneinander lernen.

Ich frage mich übrigens, was die großen rollenden Containertaschen der Kollegen so alles beinhalten. Ich gebe zu, dass mich schon einige Male die Versuchung gepackt hat, mir bei vertrauten Kollegen heimlich Zugang in die großen Bildungsboxen zu verschaffen. Leider scheiterte ich bisher immer am Zahlenschloss. Es bleibt spannend!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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