Kolumne

Fantasie erwünscht

Lehren und Lernen können vor allem dann zu einer spannenden Sache werden, wenn Neugier und Entdeckergeist dabei eine Rolle spielen. Besonders Fantasie und Kreativität haben hierbei eine motivierende Wirkung auf den Lernprozess.
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Meine Tochter kam aus der Schule nach Hause und zeigte mir enttäuscht die Korrektur eines Aufsatzes. Für sie war die Rückmeldung ihrer Lehrerin nicht nachvollziehbar. „Du hast zu viel Fantasie!“, stand in markanter roter Lehrerfarbe unter ihrem Text. Mit fragendem Blick stand meine Tochter vor mir. Ihr war klar, dass ich sie immer wieder dazu ermuntert hatte, die Kraft ihrer Fantasie zu nutzen. Und nun dieses für sie nicht zu verstehende Urteil ihrer Lehrerin.

Natürlich musste ich handeln. Und so saß ich beim nächsten Elternsprechtag vor besagter Lehrerin und wollte wissen, warum in einem Deutschaufsatz zu viel Fantasie hinderlich sein könne.

„Sehen Sie“, entgegnete die Kollegin mit bedeutungsvollem Ton, „bei der Auseinandersetzung mit einem Thema kommt es darauf an, dass die Kinder das Wesentliche erkennen und sprachlich entfalten können. Zu viel Fantasie kann dabei nur hinderlich sein und die Kinder verwirren.“

Mir stellten sich nach dieser Erfahrung viele Fragen: Hat die Fantasie wirklich Hausverbot in unseren Schulen? Warum haben manche Lehrer Angst vor fantasiereichen Schülern? Was passiert, wenn Kinder und Jugendliche beflügelt werden von ihrer bildreichen Vorstellungskraft? Sind es vielleicht die Emotionen, deren Auswirkungen unberechenbar erscheinen? Oder haben einige verkopfte Lehrer selbst Angst vor der Kraft der Fantasie, weil sie einiges in ihren Köpfen und Herzen durcheinanderbringen könnte?

Fantasie entfacht Ideen und damit kreatives Denken und Handeln. Fantasie und Kreativität sind somit grundlegende Werkzeuge, um Probleme zu erkennen und Lösungsstrategien zu entwickeln, die von Wissen und Erfahrungen geprägt sind. Die Schüler lernen, selbstständig zu denken und zu handeln und durch Versuch und Irrtum Antworten zu finden.

Und darum geht es immer in einem kompetenzorientierten Unterricht. Die Schüler lernen in allen Fächern, Probleme bzw. Fragestellungen zu erkennen, sich auf den Weg nach Lösungsmöglichkeiten zu machen, diese zu analysieren und sie einer kritischen Beurteilung zu unterziehen. So erlernen sie im Laufe ihrer Bildungsgeschichte ein grundlegendes Handwerk, das sie dabei unterstützt, die Welt zu erobern und das Abenteuer Leben zu gestalten.

Für mich heißt das aber auch, dass eine blockierte oder unterdrückte Fantasie die Kreativität hemmt und damit die im Menschen angelegte Entdeckerfreude ausbremst. Die Schule der Zukunft braucht Lehrer und Schüler mit Fantasie, mit Kreativität, mit der Lust am Lernen und mit großem Entdeckergeist. Nur so können Lehren und Lernen zu einem spannenden Abenteuer werden. Wir sollten die Schüler begleiten und sie nicht alleine lassen mit der Gabe des fantasievollen Denkens.

Übrigens legte ich der Lehrerin meiner Tochter freundlich, aber bestimmt dar, dass ich ihr Vorgehen nicht akzeptieren könne. Für mich war ihr Kommentar ein Eingriff in unsere familiären Erziehungsprinzipien. Natürlich ermunterte ich meine Tochter, weiterhin fantasievolle Aufsätze zu schreiben. Und sie hat dabei über die Jahrzehnte bis heute keinen erkennbaren Schaden genommen.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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