Kolumne

Friedensgeste

Wo Menschen zusammenleben oder gemeinsam arbeiten, kommt es auch zu Reibereien, Konflikten oder Streit. Auch in der Lehrerausbildung in Schule und Seminar gibt es ein nicht zu unterschätzendes Minenfeld, das von allen Beteiligten ein gewisses Fingerspitzengefühl, eine wache Wahrnehmung und ein kluges Handeln verlangt.
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Neulich im Elektro-Discounter: Ich benötige eine fachkundige Beratung und spreche einen Mitarbeiter an. Nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen habe, geht er los, um mir das gewünschte Produkt zu zeigen. Dabei trete ich ihm aus Versehen auf die Fersen.

Der junge Mann dreht sich blitzschnell um und streckt mir – völlig unerwartet – seine rechte Hand entgegen mit den Worten: „Reichen Sie mir bitte die Hand!“

Ein wenig überrascht komme ich seiner Bitte nach. „Wir schütteln uns in Afghanistan die Hände, wenn jemand einem anderen in die Füße tritt“, erklärt er mir. „Damit zeigen wir uns, dass wir keinen Streit, sondern friedlich miteinander umgehen wollen.“

Dieses Erlebnis hat mich sehr beeindruckt, bietet es doch einen interessanten Einblick in den Umgang mit Konflikten in einer anderen Kultur. Es sollte eine menschliche Grundhaltung sein, dass wir anderen Menschen offen und freundlich begegnen. Ein solches Verhalten könnte das persönliche Wohlergehen und das soziale Miteinander langfristig verbessern. Doch das Leben lehrt uns immer wieder, dass dies zwar sinnvoll und wünschenswert erscheint, aber in der Realität nur selten umsetzbar ist.

Das erleben Referendare in ihrer Ausbildungsphase manchmal sehr intensiv. Plötzlich sind Strukturen, Vorgaben und Verordnungen wichtig und machen den Alltag kompliziert. Und wenn wir nicht aufeinander achtgeben, droht der Mensch im Dickicht der Anforderungen unterzugehen und sich und die Mitmenschen aus dem Blick zu verlieren.

Das Beziehungsgeflecht von Macht und Ohnmacht ist vielfältig und manchmal unüberschaubar. Auf wen muss ich Rücksicht nehmen? Wem sollte ich den Termin mitteilen? Welche Erwartungen hat der Fachleiter, Schulleiter, Mentor, haben die Schüler, Eltern, Kollegen, ... und dann gibt es da ja auch noch ein Privatleben. Und plötzlich kann ein falsches Wort oder ein unüberlegtes Verhalten eine Lawine auslösen. Nicht selten führen verletzte Eitelkeiten zu Schuldzuweisungen und Machtdemonstrationen, denen der Auszubildende hilflos ausgeliefert ist.

Was ist zu tun, damit es zu keiner Eskalation kommt? Ich bin für vorbeugende Maßnahmen. Diese sind in meinen Augen grundlegend für eine freundliche, wertschätzende und klare Kommunikation. Alles Hinter-dem-Rücken-Gerede und Gemauschel ist unanständig und nicht hilfreich für eine friedvolle Zusammenarbeit. So ist es vor allem wichtig, eine Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns als Ausbilder oder Auszubildendem zu erkennen und sein Denken, Reden und Handeln danach auszurichten. Das hat auch sehr viel mit Verantwortung zu tun.

Und jetzt komme ich wieder zu meinem Erlebnis im Discounter und die Lehre, die ich daraus ziehe: Konflikte sollten im Keim erstickt werden. Die wahre Stärke liegt darin, nicht sofort zurückzuschießen und zu verletzen, sondern mich blitzschnell umzudrehen und dem anderen meine Hand zu reichen als Zeichen des Friedens. Bisweilen sind es die kleinen Gesten, die uns das Leben einfacher machen.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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