Kolumne

Gedankenkarussell

„Ich habe eine Horde Affen im Kopf“, erzählte mir ein Kollege mit verzweifeltem Gesichtsausdruck. „Die springen ständig in meinem Kopf herum und machen mich noch wahnsinnig!" Was sich recht sonderbar anhört, ist bildhafter Ausdruck einer Befindlichkeit, von der viele Menschen geplagt werden.
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Vielleicht kennen auch Sie dieses Gefühl: Sie wachen morgens auf, und schon haben Sie alle möglichen Gedanken im Kopf: unerledigte Dinge vom gestrigen Tag, Vorbereitung von Unterricht und Fachseminar, Schreiben eines Entwicklungsberichts, Korrigieren der Klassenarbeiten, Rückgabe ausgeliehener Bücher, Erledigen des Einkaufs, Aufräumen der Wohnung, Anruf bei den Eltern, dem Freund zum Geburtstag gratulieren, ...

Die Gedanken an Unerledigtes verfolgen Sie auf Schritt und Tritt. Müde und erschöpft legen Sie Ihr Haupt am Abend auf das Kopfkissen, doch das Gedankenkarussell nimmt kein Ende. Sie nehmen alle Bilder mit in den Schlaf. Und am nächsten Morgen beginnt das Theater von vorne. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: „Rumination“, was so viel heißt wie „Wiederkäuen“. Wie eine Endlosschleife machen sich die Gedanken breit in Ihrem Kopf. Wie ferngesteuert bewegen Sie sich durch den Tag.

Gibt es eine Möglichkeit, diesem belastenden Kreislauf zu entkommen? Beliebt ist das Verschieben der Gedanken auf bessere Zeiten: „Wenn ich erst mal fertig bin mit ..., dann werde ich ...“ Diese „Verschieberitis“ mag ein wenig beruhigen, aber wirklich helfen kann sie nicht. Andere nutzen die Technik des Gedankenstopps, oder sie reden und denken sich die Dinge positiv.

Ich bin vor einigen Jahren einer Idee begegnet, die mein Leben grundlegend entschleunigt hat. Vor allem hat sie meinen Kopf neu geordnet und das Kopfzerbrechen in vielen belastenden und kritischen Lebenssituationen heilsam unterbrochen. Das Zauberwort heißt Achtsamkeit, und die beginnt im Kopf. Es geht darum, das Gedankenkarussell abzuschalten und bewusst im Hier und Jetzt zu leben. Ich halte inne und nehme ganz bewusst wahr, was in mir und um mich herum passiert. Das mache ich absichtslos, und ich bewerte nicht alles, was ich wahrnehme. Ich wechsle vom anstrengenden Tun-Modus in den befreienden Sein-Modus. Doch um ganz im Augenblick zu leben, muss ich die Vergangenheit und die Zukunft loslassen, aber auch die eingeübten Denk- und Verhaltensmuster.

Sich auf das Wesentliche konzentrieren und etwas bewusst und mit einer Portion Gelassenheit tun, wirkt Wunder. Und bei genauer Betrachtung gibt es viele Dinge, die ich bewusst und achtsam tun kann: morgens aufwachen, gemeinsam mit meiner Frau frühstücken, zur Arbeit fahren, meinen Schülern und Kollegen begegnen, Freunde treffen, ein Buch lesen, einen Film anschauen, Gespräche führen, mich sportlich betätigen, …

Natürlich sollte das Achtsamkeitstraining nicht wieder in Stress ausarten. Ich kann es schrittweise einüben: die Achtsamkeit beim Denken und Reden, beim Schreiben und Zuhören, bei der Vorbereitung und Durchführung meines Unterrichts, in der Pause ...

Wichtig ist auch für mich, dass ich meine achtsame Haltung nicht mit irgendwelchen religiösen, spirituellen, psychologischen, medizinischen oder sogar esoterischen Lehren verknüpfe. Für mich ist es keine Arznei oder Therapie, sondern eine gelebte Grundhaltung. Es ist mein persönliches Gesundheitsprogramm für ein stressfreieres und gelasseneres Leben.

Auch die wilde Affenhorde im Kopf lässt sich mit dieser Haltung zähmen. Das Grübeln und die negativen Gedanken, die Befürchtungen und Ängste verschwinden, wenn ich meine Gedanken loslasse. Das Leben wird leichter, unbeschwerter und lebenswerter. Versuchen Sie es!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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