Kolumne

Hygge statt Hikikomori

Um das Referendariat unbeschadet zu überstehen, ist es wichtig, auf seine körperliche Gesundheit und das psychische Wohlergehen zu achten. Doch wie ist das möglich angesichts der stressigen Ausbildungszeit?
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„Ich bin so unglücklich mit meiner momentanen Situation“, beklagt sich eine Referendarin. „Ich kann nicht mehr in den Club, nicht mehr ins Theater oder zur Yogastunde. Dazu fehlt mir einfach die Zeit. All das, was ich früher so gerne gemacht habe, ist nicht mehr möglich. Ich sitze nur noch am Schreibtisch und plane und korrigiere.“

Solche und ähnliche Bekenntnisse höre ich häufig von den Lehramtsanwärtern. Schlagartig ändert sich das bisherige Leben. Scheinbar besteht es nur noch aus Unterricht, Schule, Studienseminar und Unterrichtsvor- und -nachbereitung. Solche Empfindungen sollten nicht bagatellisiert, sondern sehr ernst genommen werden. Denn wo dieses Gefühl der totalen Vereinnahmung durch die Ausbildungssituation besteht, kann es zu tiefgreifenden Folgen für die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein der Betroffenen führen.

Weißt du, was ein Hikikomori ist? Das ist mittlerweile ein weit verbreitetes Phänomen in Japan. Hikikomori ziehen sich über einen längeren Zeitraum aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und isolieren sich. Nach Informationen der japanischen Zentralregierung leben etwa 541.000 Menschen im Alter von 15 bis 39 Jahren als Hikikomori. Die betroffenen Menschen fühlen sich meist dem Erwartungsdruck und den Anforderungen nicht gewachsen. Hinzu kommen nicht selten Mobbing oder Beziehungsprobleme. Ein geringes Selbstwertgefühl kann der erste Schritt zur kompletten Isolation sein. Häufig bleibt dann das Internet die einzige Verbindung zur Welt.

Auch so mancher Referendar neigt dazu, sich angesichts der großen Erwartungen und Belastungen zurückzuziehen und neben seiner Ausbildung ein Eigenleben zu entwickeln. Lieb gewonnene Freizeitbetätigungen, sportliche Aktivitäten oder Freundschaften kommen zu kurz. Es gibt nur noch den Mikrokosmos Schule und Seminar. Schreibtisch und Kaffeetasse werden zu einsamen Begleitern. „Das geht schon rum“, sagt so mancher. „Augen zu und durch!“ Doch solche Durchhalteparolen sind nur kurzfristige Motivationsförderer. Die zunehmende Isolation und Beziehungslosigkeit aber können sie nicht verhindern.

Natürlich gibt es keine Rezepte, um diese Situation zu ändern. Wichtig ist vor allem eine Selbstfürsorge. Wie wäre es mit regelmäßigen „Tankstellen“ oder „Oasen“ im Arbeitsalltag, die für eine kurzfristige erholsame Auszeit sorgen könnten!? Dazu habe ich einige Vorschläge:

  • Triff dich mit Menschen, die nichts mit deiner Ausbildung oder mit Schule zu tun haben.
  • Unterhalte dich über die vielen interessanten Themen, die das Leben zu bieten hat. Manchmal kann auch ein wenig Tratsch hilfreich sein.
  • Leg deine Fachbücher weg und lies einen Roman.
  • Erfreue dich bei einem Spaziergang oder einer Wanderung an der Natur.
  • Pflege alte Beziehungen und Freundschaften.
  • Mach einen Überraschungsbesuch bei deiner Familie.
  • Verabrede dich zu einem gemeinsamen Essen.
  • Treibe regelmäßig Sport. Es muss nicht immer Radfahren oder Joggen sein. Wie wäre es mal mit Rudern oder Tauchen?
  • Kauf dir eine Hängematte für gezielte Auszeiten.
  • Gehe achtsam mit dir, deinem Geist, deiner Seele und deinem Körper um.
  • Lache möglichst oft. Es ist gesund und entspannt.
  • Genieße, denn wer nicht genießt, wird ungenießbar.
  • Achte darauf, dass eine Partnerschaft Zuwendung, Zeit und Aufmerksamkeit braucht.
  • Hab den Mut für kleine wohltuende Veränderungen in deinem Alltag, die dir guttun.

Und wenn wir schon bei Begriffen aus anderen Ländern sind. Versuch es doch mal mit „Hygge“! So nennt man die Lebensphilosophie der Dänen. Gemeint ist damit eine herzliche und gemütliche Atmosphäre, in der man die schönen Dinge des Lebens gemeinsam mit netten Menschen genießt und sich daran erfreut. Na dann ...

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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