Kolumne

Keine Lehrer von der Stange

In der Lehrerausbildung ist es hilfreich, wenn die Referendare viel Raum zum Experimentieren und Ausprobieren haben, um ihr persönliches Lehrerprofil schrittweise entwickeln zu können. Dies sollte in einer angstfreien und von Vertrauen geprägten Lernumgebung geschehen.
startklar-orange

„Es war einmal ein Fachleiter, der war mit seinen Referendaren auf einer Werbetour an der Uni. Und wie das so ist bei Werbeveranstaltungen, malten sie alles in den schönsten Farben, um das Produkt möglichst überzeugend zu vermarkten. Sie präsentierten eine Wohlfühlausbildung, in der die zukünftigen Lehrer mit Samthandschuhen angefasst und behutsam in den Lehrerberuf eingeführt werden.“

So oder ähnlich könnte ein Märchen beginnen, das ich einer realen Situation angepasst habe. In Wirklichkeit spielte sich die Szene ein wenig anders ab. Wir informierten die Studierenden über das Referendariat für das Lehramt an berufsbildenden Schulen. Dabei erläuterten wir zunächst das Schulsystem mit seinen vielen unterschiedlichen Bildungsgängen und die Arbeit als Lehrer.

Wichtig war für die zukünftigen Lehrer, wie die Zeit des Referendariats abläuft und auf was sie besonders achten müssen. Und natürlich wurden auch die üblichen Ängste und Unsicherheiten thematisiert: Ist diese Zeit wirklich die Hölle? Hat man keine Zeit mehr für seine Hobbys? Kommen Familie und Partnerschaft zu kurz? Bekommen wir nach der Ausbildung auch eine Anstellung?

Sehr souverän und mit Begeisterung berichteten die Referendare von ihrer Ausbildungssituation und von der Arbeit mit den Schülern in den unterschiedlichen Klassen. „Bei uns muss man keine Angst haben! Natürlich ist man bei den Unterrichtsbesuchen nervös. Aber es herrscht eine gute Atmosphäre bei den anschließenden Besprechungen. Man sagt uns, was gut war und wo wir noch nachbessern können. Es wird wirklich beraten.“

Ich vermute, man hat meine glänzenden Augen und meinen Stolz gesehen angesichts der positiven Rückmeldungen. Im Laufe des Gesprächs wurde auch deutlich, wie wichtig die individuelle, persönliche und differenzierte Begleitung und Beratung durch die Ausbilder ist. Um es zu verdeutlichen, benutze ich gerne einen Vergleich: Den genormten Lehrer von der Stange gibt es nicht. Jeder ist eine Maßanfertigung. Natürlich ist dies ein hohes Ideal, das alle an der Ausbildung der zukünftigen Lehrer beteiligten Personen anstreben sollten. Jeder Auszubildende ist eine individuelle Persönlichkeit mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Jeder ist einmalig und sollte auch entsprechend behandelt werden.

Das Erlernen des pädagogischen Handwerks sollte darauf abzielen, das sich entwickelnde persönliche Lehrerprofil zu schärfen. Das verlangt eine praxisorientierte und theoriegeleitete Anleitung und Begleitung. Und natürlich sollte viel Raum für das Üben und Experimentieren zur Verfügung stehen. Daher halte ich die Abschaffung der benoteten Lehrproben in unserem Bundesland für sinnvoll. Denn wir brauchen keine perfekten Showstunden. Entscheidender ist es, dass die Referendare in ihren Sichtstunden bereit sind zu experimentieren, um so die Potenziale und die persönliche Lernentwicklung zu zeigen.

Dazu gehört auch eine eigene kritische Reflexion der gezeigten Unterrichtsstunde. Und so kann anschließend individuell beraten und unterstützt werden. Das verlangt von den Fachleitern, Schulleitern und Mentoren eine neue Grundhaltung und Sichtweise.

Nur gute und motivierte Lehrer können durch ihren guten und motivierenden Unterricht gute und motivierte Schüler hervorbringen. Und das lernen sie durch stetes Training, durch Versuch und Irrtum.

„Und sie lebten alle glücklich und zufrieden ..." Dieses Ende passt ein wenig zum Geschehen und lässt hoffen. Die Veranstaltung endete zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Es war schön zu sehen, dass nach unserem Besuch an der Uni einige Studierende mit einem zufriedenen Strahlen im Gesicht die Veranstaltung verließen. Vermutlich konnten wir ein paar Ängste und Bedenken beseitigen. Fast wie im Märchen!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: