Kolumne

Lehrer-Pfeifen

Schaut man sich die aktuellen Kataloge der Schulbuchverlage an, finden sich umfangreiche Hilfen und Accessoires für den Unterricht. Fantasievolle und zum Teil auch sinnvolle Werkzeuge, um den Unterricht spannend und aktivierend zu gestalten. Sie sollen Schülern und Lehrern den Schulalltag erleichtern. 
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Angeboten werden etwa Gruppen-Ampeln, Stempel-Sets, Stifte, Kreide und Marker in unterschiedlichster Ausführung, Fleiß- und Lobkärtchen, Knetkleber, selbstklebende Magnetplättchen, Motivations- und Belohnungsaufkleber und -stempel, Anti-Lärm-Ampeln, Garagen zum Parken der Schüler-Handys, Schüler- und Lehrerkalender, Taschen und viele weitere Hilfsmittel zur Planung und Organisation des Unterrichts. Sogar das gute alte Jo-Jo wurde wieder hervorgekramt und ein „Geduldsfaden für gestresste Lehrer“ daraus entwickelt. 

Vor Kurzem zeigte mir ein engagierter Vater eine Seite im Internet, auf der eine Lehrer-Pfeife angeboten wurde. Damit war nicht die berühmte Tabak-Pfeife von Lehrer Lämpel gemeint, sondern eine Trillerpfeife, die Schiedsrichter benutzen. Der Vater regte sich zunehmend über das Angebot auf: „Ein Lehrer sollte lieber darauf achten, dass er selbst keine Pfeife ist, dann braucht er auch diese Lehrer-Pfeife nicht!“ Es entwickelte sich ein anregendes Gespräch darüber, was einen guten Lehrer auszeichnen sollte.

Es gibt Themen, über die sollte man sich zunächst genau informieren, um fundiert mitreden zu können. Zu anderen Themen kann fast jeder Mensch etwas sagen, denn sie sind sehr erfahrungsbezogen. Ich lade Sie zu einer kleinen Übung ein: Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, um in ihre Schulzeit zurückzublicken. Stellen Sie sich in Gedanken den Lehrer oder die Lehrerin vor, in dessen/deren Unterricht Sie sich wohlgefühlt haben, und stellen Sie sich die Frage, warum Sie dieser Unterricht zum Lernen motiviert hat? Was zeichnete meine guten Lehrer aus? Und warum sind sie mir noch nach Jahren in Erinnerung?

Diese kleine Gedankenübung ist natürlich sehr subjektiv und würde bei wissenschaftlicher Überprüfung einen kriteriengeleiteten Praxistest nicht bestehen. Das zeigt bereits, wie schwierig die Frage nach einem guten Lehrer zu beantworten ist. Bildungspolitiker, Eltern, Wissenschaftler, Schulleiter und auch Schüler würden jeweils einen individuellen Kriterienkatalog erstellen.

Als angehender Lehrer könnten Sie angesichts der Vielzahl an Erwartungen und Wünschen verzweifeln. Daher halte ich es für wichtig, auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrung möglichst viele Menschen zu fragen, welche Erwartungen sie an einen guten Lehrer haben. Vor allem sollten Sie über dieses Thema ernsthaft mit Ihren Schülern sprechen.

Vor vielen Jahren habe ich meine Schüler gebeten, mir Fragen zu stellen, um herauszufinden, ob ich ein guter Lehrer bin. Folgendes Ergebnis wurde mir präsentiert:

  1. Können Sie was und lieben Sie Ihr Fach?
  2. Schaffen Sie es, dass Lernen uns Spaß macht?
  3. Sind wir Ihnen wichtig?
  4. Können Sie respektvoll mit uns umgehen und sich trotzdem durchsetzen?

Das waren vier einfache Fragen, die mein Lehrersein bis heute beeinflussen. Sie sind für mich eine Art Wegweiser im Schulalltag geworden. Vor allem zu Beginn eines neuen Schuljahres, wenn ich viele neue Klassen zugeteilt bekam, warf ich fast täglich einen Blick auf die wegweisenden Tipps der Schüler.

Meine Anregung an Sie als angehender Lehrer: Bitten Sie Ihre Schüler um Unterstützung und erstellen Sie sich so Ihr persönliches pädagogisches Mantra als eine Art roter Faden.

Die Fragen der Schüler können mir als Lehrer immer wieder deutlich machen, was wirklich wichtig ist, um ein zufriedener und guter Lehrer zu sein. Denn: Eine Pfeife alleine macht noch keinen guten Lehrer!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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