Kolumne

Lehrermangel und Bildungserfolg

Eine gezielte individuelle Förderung und Unterstützung der Schüler setzt ein großes Engagement der Lehrenden voraus. Doch um dies umsetzen zu können, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Vor allem werden gute und motivierte Lehrer gebraucht.
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Noch vor Jahren wurde potenziellen Lehrern das Lehramtsstudium madig gemacht, heute nehmen aufgrund des Lehrermangels Abwerbeaktionen einzelner Bundesländer kuriose Formen an.

„Du hast unseren Kindern gerade noch gefehlt“ ist auf großen Plakaten zu lesen. An Bahnhöfen, Unis und öffentlichen Plätzen verteilen Promotion-Teams Postkarten und Krapfen, auch Berliner genannt, mit dem Wortspiel „Probier mal Berliner“.

Dahinter steckt eine Werbeaktion des Berliner Senats. Mit „Keine Berge. Aber tolle Aussicht“ wollte man Junglehrer aus Bayern für die weltoffene Großstadt Berlin begeistern. Aber auch ein Slogan in Berliner Dialekt („Na mach ma hinne. Bewirb Dich schnell“) zeigte nicht die gewünschte Wirkung. Die geschilderte Berliner Aktion ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, um die Personalnot zu beseitigen. Laut neusten Berechnungen müssten ca. 14.000 neue Lehrer alleine in Berlin bis zum Jahre 2024/25 eingestellt werden.

Der PISA-Schock sitzt noch immer in den Knochen, und schon gibt es die nächste Hiobsbotschaft: Deutsche Schüler rechnen und schreiben immer schlechter. Das ergab eine aktuelle Studie, in deren Blickfeld Viertklässler standen. Die von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebene Studie IQB – Bildungstrends (https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/BT2016/Bericht) kam zu dem Ergebnis, dass die Viertklässler innerhalb von fünf Jahren in Deutschland in Mathematik, beim Zuhören und in Rechtschreibung schlechter geworden sind. Rund 22 % erreichen noch nicht einmal die Mindeststandards bei der Rechtschreibung. Beim Lesen ist das Niveau dagegen stabil geblieben.

Wie immer nach solchen Studien sind die Fachleute bemüht, die Ergebnisse zu analysieren, zu bewerten und die Ursachen zu erforschen. Lehrermangel und die Zusammensetzung der Schülerschaft infolge von Inklusion und Migration tragen die Schuld an der Verschlechterung der Schülerleistungen, folgern die Experten.

Aber auch die Besserwisser und pädagogischen Bedenkenträger sind mit Schuldzuweisungen wieder einmal schnell bei der Sache. Nach einem ersten medienwirksamen Erschrecken und öffentlich inszenierter Ratlosigkeit über die Ergebnisse und besonders das länderspezifische Ranking, wird es bald wieder ruhiger werden im Land. Wirkliche Konsequenzen wird es wohl nicht geben.

Die Schuld im hohen Anteil der Migrationskinder zu suchen, ist eine recht einseitige Sichtweise und zudem nicht unbedingt richtig, denn die große Anzahl an Flüchtlingskindern aus dem Jahre 2015 wurde in der Studie nur teilweise berücksichtigt. Der Anteil der zugewanderten Kinder ist nicht gleichbedeutend mit schlechten Leistungen.

Wichtig bleibt auch der Blick auf das Thema Armut und die damit verbundene soziale Benachteiligung, die Konsequenzen für die Bildungsgerechtigkeit hat. Ein maßgeblicher Aspekt sollte beachtet werden: Individuelle Förderung und der Umgang mit Heterogenität sind nur möglich, wenn es genügend Lehrer gibt, die dies auch kompetent umsetzen können. Denn die Lehrer sind die Grundlage für den Bildungserfolg der Kinder. Sie sollten über eine hohe Diagnose- und Planungskompetenz verfügen. Wir brauchen solche gut qualifizierten und motivierten Lehrer, damit das Rechnen, Schreiben und Zuhören unserer Kinder wieder besser gefördert werden kann.

Die Werbekampagne des Berliner Senats sorgte zwar für medienwirksame Aufmerksamkeit, aber ob das gegenseitige Abwerben von potenziellen Lehrern eine zufriedenstellende Aktion darstellt, ist fraglich. Wann wird Bildung endlich zu einem bundesweiten gemeinsamen Thema? Denn unser gesamtes Land braucht gute Lehrer!

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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