Kolumne

Lust statt Frust

Wenn über den Lehrerberuf geschrieben und geredet wird, geht es nicht selten um Neid und Mitleid. Neben dem sicheren Job und den langen Ferien wird auch die große Belastung im Schulalltag wahrgenommen. Diese unterschiedlichen Eindrücke hängen auch damit zusammen, wie Lehrer sich selbst sehen und wie sie ihren Beruf in der Öffentlichkeit präsentieren.
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Manche Menschen nutzen gerne Statistiken, um ihre eigene Situation und Argumentation mit einem wissenschaftlichen Touch zu versehen. Immer wieder lese und höre ich, dass ein Lehrer in einer durchschnittlichen Unterrichtsstunde 50 Anordnungen erteilt, 50 bis 75 Fragen stellt, 15- bis 20-mal unvollendete Sätze in den Raum stellt, die Schüler zu Ende sprechen sollen. Er trifft außerdem ca. 200 Entscheidungen und bewältigt 15 erzieherische Konfliktsituationen. Solche Zahlen werden gerne als Beleg für die hohe Lehrerbelastung angeführt.

Ich gebe zu, dass ich persönlich diese Belastung selten so empfunden und erlebt habe. Meine Tätigkeit als Lehrer hat mir immer viel Freude bereitet. Jeder Schultag ist eine neue Herausforderung. Ich kann und darf kreativ sein und meine Lust am Unterrichten ausleben. Dabei habe ich ständig neue Ideen und Methoden entwickelt und ausprobiert. Der Klassenraum und die ganze Schule wurden zu einem Experimentierfeld. Die Rückmeldungen der Schüler in unterschiedlichen Klassen zeigten mir immer wieder, woran ich noch arbeiten und wo ich nachbessern muss. Meine Erkenntnisse habe ich im Laufe der Jahrzehnte in vielen Fortbildungen und Veröffentlichungen weitergegeben. Dabei hoffe ich immer wieder, die Teilnehmer und auch die Leser meiner Bücher zu begeistern und anzustecken mit meinen kreativen Lehr-Lern-Ideen.

Warum schreibe ich das hier in einer Kolumne für Referendare? Weil ich meine Aufgabe auch und besonders in der Lehrerausbildung darin sehe, junge Menschen zu begeistern und anzustecken mit meiner Begeisterung für diesen Beruf. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass angehende Lehrer ihr eigenes Profil entwickeln. Dabei ist es unerlässlich, die Defizite und Schwächen im Blick zu behalten und daran zu arbeiten. Viel wichtiger aber ist es, auf die eigenen Stärken zu blicken und sich zu fragen: Was ist das Außergewöhnliche und Besondere an mir? Womit kann ich im Schulalltag glänzen und was bereitet mir große Freude.

Gute und außergewöhnliche Lehrer fallen besonders auf durch ihre Individualität. Sie haben etwas Besonderes an sich. Als Mensch, als Fachkraft und als Pädagoge. Und ein solcher Lehrer zu werden, ist ein motivierender Anreiz. Bescheidenheit ist hier fehl am Platz: Der Blick auf die Weiterentwicklung der eigenen Lehrerpersönlichkeit, das ständige Arbeiten am eigenen Profil und an dem sich daraus ergebenden pädagogischen Konzept können die Berufszufriedenheit maßgeblich beeinflussen.

Lehrer sollten vor allem in der Ausbildungsphase und im Berufseinstieg darauf achten, dass sie nicht angesteckt werden von der sich ausbreitenden Jammerpädagogik und Defizitorientierung. Die Freude am Beruf ist eine wichtige Grundlage für ein gutes Schul- und Klassenklima. Und manchmal kann sie sogar ansteckend wirken und eine ganz neue Lernatmosphäre verbreiten.

Übrigens habe ich mit meiner Lust am Unterrichten nicht immer nur Zuspruch erfahren. Für manche Kollegen war es fast unzumutbar, dass ein Lehrer mit Freude und Begeisterung von seiner Arbeit spricht. Ich bin stolz, dass ich meinen pädagogischen Weg seit Jahrzehnten konsequent gehen durfte. Und auch die Frage meiner Ü-60er-Kollegen: „Und, wie lange hast du noch?“, kann ich freudig beantworten: „Solange ich kann und darf!“

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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