Kolumne

Mülleimerstunden

Viel wird heute geredet vom selbstständigen Lernen der Schüler. Handlungsorientierung, Lerntagebuch, Gruppenarbeit, Schreibgespräche, Referate, Rollenspiele, Stationenlernen, kooperatives Lernen und allerlei Methodenvariationen bestimmen den modernen Unterricht. Doch wie gehen die Schüler damit um?
startklar-tafel 01

Entrüstet begrüßen mich die Schüler bereits vor dem Klassenraum: „Wir haben die Nase voll von diesem Blödsinn. Wir wollen wieder normalen Unterricht!“

Während die Schüler auf mich einreden, sehe ich, wie die Referendarin überstürzt und mit hochrotem Gesicht die Klasse verlässt. Anscheinend gab es hier ein Problem. Nun bin ich als Problemlöser und Schülerversteher gefragt.

Ich beruhige die Schüler und frage nach konkreten Details für ihre Entrüstung. Sie berichten mir, dass die junge Kollegin jede Stunde mit neuen Ideen kommt und alles Mögliche ausprobiert. Mit ihrer Experimentierfreude bringt sie große Unruhe und Chaos in die Klassengemeinschaft. Jedes Jahr werden die Referendare in dieser Klasse eingesetzt, und sie kennen sie alle: die Schüchternen, die Verzweifelten, die Besserwisser, die Streber, die Sympathischen, die Zicken, die Schülerfreunde, die Beleidigten und die Schleimer.

„Die nerven, sobald sie den Klassenraum betreten!“, bringt es der Klassensprecher auf den Punkt. „Wir sind kein Experimentierfeld für werdende Lehrer. Wir wollen den Stoff verstehen, einigermaßen ordentliche Noten schreiben und den Abschluss packen. Sonst nichts.“

Ich versuche, Verständnis für die Situation der Referendare zu wecken, und erläutere deren Situation. Ich erzähle von ihrem Studium und dem Wunsch, Lehrer zu werden. Von der Ausbildung im Studienseminar und in der Schule. Von den vielen unterschiedlichen Anforderungen und auch, dass Referendare immer zwischen den Stühlen sitzen – von den Lehrproben und den ersten Unterrichtsversuchen. Ich bin fast nicht zu bremsen und wundere mich über mich selbst. Versuche ich Mitleid zu erregen oder doch eher Verständnis? Es ist wohl beides.

Meine Mühe ist vergebens, und die Schüler legen noch eins drauf: „Am schlimmsten ist diese Gruppenarbeit mit den unverständlichen Arbeitsaufträgen und den anschließenden Präsentationen. Wofür werden die eigentlich bezahlt? Um uns arbeiten zu lassen?“

Ich liebe diese „Mülleimerstunden“. Sie haben eine entlastende Funktion und sind wichtig für die Psychohygiene der Schüler. Mal alles rauslassen, was nervt und ärgert. Den ganzen Frust entladen. Manchmal inszeniere ich eine Situation, die dem Speaker’s Corner in Londons Hyde Park ähnelt. Dort dürfen die Redner auf eine Kiste steigen und von dem erzählen, was ihnen wichtig erscheint. Lediglich die Königin und die königliche Familie dürfen nicht Inhalt ihres Vortrags sein. Meine Schüler dürfen sich auf einen Stuhl stellen und ihr Herz ausschütten mit ihrem Frust und Ärger. Nur dürfen sie niemanden beleidigen oder bedrohen und keine Unwahrheiten verbreiten.

In manchen Klassen wurde dieses kurze Ritual von mir als fester Bestandteil des Unterrichts eingeführt. Und die Regeln wurden immer feiner und detailreicher. Manchmal entwickelte sich daraus sogar eine Art Rhetoriktraining.

In anderen Klassen installiere ich eine Klagemauer. Darauf können die Schüler schreiben, malen oder etwas anheften. Es gibt mir als Lehrer einen guten Einblick in die Stimmungslage der Schüler und hat einen positiven Einfluss auf die Lernatmosphäre in der Klasse.

Natürlich sollten die Schüler auch viele Gelegenheiten haben, um positive Erfahrungen und Gefühle zu äußern. Erstaunlicherweise müssen solche Übungen trainiert und schrittweise angeleitet werden. Jammern, Nörgeln und Meckern ist eben einfacher! Und bereitet natürlich auch mehr Spaß.

Und welches Ende nahm die Geschichte mit der Referendarin und der aufgebrachten Schülerschaft? Ich kann Entwarnung geben. In einem klärenden Gespräch zwischen der Referendarin und der Klassengemeinschaft konnten viele Fragen und Unsicherheiten offen angesprochen werden. Eine Mediation erübrigte sich.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: