Kolumne

Nörgelnde Eltern

Das System Schule ist zwar ein geschützter Raum, in dem Kompetenzen nach bestimmten Vorgaben vermittelt werden und eine Haus- und Schulordnung das Zusammenleben regelt. Doch nicht nur Lehrer und Schüler spielen hier eine Rolle. Auch Eltern sind Teil dieses Bildungssystems. Sie stellen Ansprüche und begleiten die Bildungslaufbahn ihrer Kinder. Dabei treffen nicht selten die Wünsche und Ansprüche der Eltern auf die Realität der Schule. Das kann so manchen Lehrer zur Verzweiflung bringen.
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Empört und lautstark betritt eine Mutter den Klassenraum während eines Elternsprechtages. „Das lassen wir uns nicht bieten! So dürfen Sie mit meiner Tochter nicht umgehen!“ Erstaunt blicke ich die Frau an, denn ich kann die Situation nicht einordnen oder deuten. Habe ich eine Schülerin unfair behandelt? Ich bin erschrocken und neugierig auf die konkreten Vorwürfe.

„Ich weiß ja, dass meine Tochter nicht gut rechnen kann, aber ihr in Mathe eine sechs zu geben, das halte ich für unfair und übertrieben!“ Ich möchte ihr widersprechen, doch sie fällt mir ins Wort: „Es ist doch überall bekannt, dass Sie ein unfairer Lehrer sind, der Schülern, die er nicht leiden kann, immer eine schlechte Note gibt. Und die Lieblingsschüler bevorzugen Sie."

„Stopp!“, höre ich mich plötzlich in eindeutigem Tonfall sagen. Die aufgebrachte Mutter wird ruhiger, und ich weise sie darauf hin, dass sie beim falschen Lehrer gelandet ist. Der Mathelehrer sitzt im Nebenraum.

Da habe ich nochmal Glück gehabt. Ich kann beruhigt durchatmen und Gespräche führen mit Eltern, die gerne bestätigt haben wollen, wie gut die Leistungen ihrer Kinder sind. Doch wie sollte sich ein Lehrer verhalten, wenn Eltern ihm schimpfend oder gar pöbelnd begegnen?

Naturgemäß stehen Eltern hinter ihren Kindern, um sie zu schützen vor unfairen Beurteilungen oder Diskriminierungen. Manche Eltern kämpfen wie Löwen für ihre Kinder. Grenzwertig kann es werden, wenn sie in die Beurteilung und Leistungsmessung eingreifen wollen. Eine verschärfte Form des elterlichen Angriffs kann die Drohung mit der Schulleitung oder sogar einem Rechtsanwalt sein. Und schnell wird ein unerfahrener oder unsicherer Lehrer zum Opfer solcher Angriffe.

Natürlich verdienen die eigenen Kinder immer eine bessere Note. Natürlich tragen sie keinerlei Schuld an bestimmten Vorfällen. Und natürlich haben sie sich gut benommen. Oft lässt sich eine elterliche Aufregung durch ein klärendes Gespräch lösen. Dabei ist es wichtig, auf der sachlichen Ebene zu bleiben und emotionale Ausbrüche oder Provokationen zu vermeiden. Vorwürfe sollten auf den Wahrheitsgehalt überprüft und geklärt werden.

Hilfreich ist es zudem, wenn beide – die Eltern und die Lehrer – die Probleme zwar wahrnehmen und benennen, aber verstärkt auf die Ressourcen blicken. Dabei ist es unerlässlich, ruhig und souverän zu bleiben und immer eine Lösung der Schwierigkeit im Blick zu behalten.

Falls der Konflikt zu eskalieren droht, ist ein klärendes Gespräch mithilfe einer dritten Person unerlässlich. Auch sollten die Schüler als Betroffene immer in das Gespräch einbezogen werden.

Viele Eltern sind interessiert an der Schullaufbahn ihrer Kinder und suchen das Gespräch mit den Lehrern. Die lautstarken und polternden Eltern vermitteln meist einen anderen Eindruck.

Dabei ist es auffällig, dass die Eltern leistungsschwacher Schüler weniger die Beratung suchen als Eltern motivierter und guter Schüler. Natürlich gibt es auch die überengagierten Helikopter-Eltern, die bisweilen den Blick für die Realität verlieren.

Wichtig ist, dass es allen an der Erziehung und Bildung der Kinder und Jugendlichen beteiligten Menschen klar ist, dass es um das Wohl der Schülerinnen und Schüler geht. Und das verlangt eine gewisse Disziplin und eine professionelle Beratung.

Übrigens konnte der oben genannte Mathematiklehrer die aufbrausende Mutter schnell beruhigen, indem er ihr die letzte Klassenarbeit ihrer Tochter und die sich anhäufenden Klassenbucheinträge vorlegte.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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