Kolumne

Selbstinszenierungskompetenz

In unserem medialen Zeitalter ist die digitale Selbstdarstellung für viele Menschen zu einer wichtigen Beschäftigung geworden. Mithilfe des Smartphones wird so lange geknipst, bis das Bild so aussieht, wie ich mich sehen will. Sollte sich diese Selbstinszenierung nicht auch für Lehrer zu einer grundlegenden Kompetenz entwickeln?
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Neulich im Lehrerzimmer: Ein Kollege blickt kopfschüttelnd aus dem Fenster. Er scheint etwas Interessantes zu beobachten.

Neugierig frage ich nach dem Grund seiner Aufregung. „Sieh dir mal diese Schülerin an. Seit zehn Minuten produziert sie ein Selfie nach dem anderen.“

Ich betrachte die Szene ebenfalls. „Ich nehme an, sie will ihre beste Seite zeigen, doch die Ergebnisse sind allsamt unbefriedigend“, kommentiere ich die Fotosession.

„Ich sehe mich morgens im Spiegel, das genügt mir für den ganzen Tag!“, entgegnet der Kollege.

Solche Selfie-Szenen können wir ständig und in den unterschiedlichsten Situationen beobachten. Die fotografischen Selbstporträts sollen beeindrucken oder drücken aus, wie man sein möchte. Menschen stellen sich selbst dar und fühlen sich gut dabei. Und daran sollen möglichst viele Mitmenschen teilhaben. So werden die Selfies mit Vorliebe in den sozialen Netzwerken präsentiert. Alle sollen sehen, was ich gerade mache, wo ich bin und mit wem ich zusammen bin. Ich bin präsent! Ich fühle mich wichtig! Ich bekomme Aufmerksamkeit! Bei manchen Menschen kann dieses Ritual das Selbstwertgefühl fördern. Andere dagegen flüchten in eine virtuelle Traumwelt und schaffen sich so eine neue digitale Identität, die die reale Persönlichkeit überdeckt.

Was können diese Beobachtungen für mich als Lehrer bedeuten? Ich stehe als Lehrer ständig im Rampenlicht. Sollte ich mich selbst und mein Auftreten besser „inszenieren“? Die neueren pädagogischen Studien haben es bestätigt: Ein entscheidender Faktor für guten Unterricht und effektives Lernen liegt in der Person des Lehrers. Dabei spielt nicht nur das Fachwissen eine Rolle. Der gute Lehrer ist gesegnet mit großem Interesse an seinen Schülern, pädagogischem Geschick und Empathie. Neben diesen Aspekten hat die gesamte Persönlichkeit des Lehrers Einfluss auf das Lerngeschehen und das Lernverhalten der Schüler. Die Persönlichkeit des Lehrers wird zur Methode, um eine positive und anregende Lernatmosphäre zu schaffen. Also sollte ich mich ab und zu selbst genauer in den Blick nehmen und Selbstreflexion betreiben.

Wie steht es um mich, mein Aussehen, mein Auftreten, meine Kleidung, meine Sprache, meine Stimme? Wie nehme ich mich selbst wahr und wie sehen mich meine Schüler, meine Kollegen, die Eltern oder die Schulleitung? Wie setze ich mich in Szene und wie bin ich wirklich? Und wenn ich auf mein Inneres blicke: Habe ich ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, eine souveräne Selbststeuerung und Ich-Stärke? Und wie steht es um meine Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit? Bin ich authentisch in dem, was ich sage und tue? Ich kann mich meinen Schülern nicht nur so zeigen, wie ich sein möchte, sondern auch so, wie ich bin. Es lohnt sich.

Ich habe das Thema „Selfie“ im Unterricht besprochen. Es entwickelten sich interessante Gespräche und Erkenntnisse über „Selbstwahrnehmung und -inszenierung“ und die Fragen „Wer bin ich und wie möchte ich gesehen werden?“ Dabei konnte ich beobachten, dass die Selbstwahrnehmung einiger Schüler stark verschoben war (online sehr selbstbewusst – offline ehr schüchtern).

Übrigens kam ich auch bei dem oben erwähnten Kollegen zu dieser Erkenntnis. Ich entdeckte nämlich, dass auch er auf einer sozialen Plattform präsent ist mit Fotos von Grillfesten, beim Burgeressen und Biertrinken. Hier präsentiert er sich ganz anders als ich ihn im Schulalltag erlebe. Seine Selbstinszenierung klappt super, an seiner Selbstwahrnehmung sollte er jedoch noch arbeiten. Wenn er das nächste Mal über Schüler lästert, werde ich ihn daran erinnern.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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