Kolumne

Sinnvolle Nachhilfe?!

Differenzierung und individuelle Förderung sind heutzutage große Themen im schulischen Alltag und somit auch in der Lehrerausbildung. So mancher Lehrer gerät dabei an seine Grenzen. Und da kommt die Nachhilfe ins Spiel. Die nehmen jährlich etwa 1,2 Millionen Schüler (14 % aller 6- bis 16-Jährigen) in Deutschland in Anspruch. Dafür werden – laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung – fast 900 Millionen Euro investiert.
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In meiner Schulzeit gab es zwei Fächer, mit denen ich richtig große Probleme hatte: Mathematik und Latein. Irgendwann hatte ich den Anschluss total verloren, vonseiten der Fachlehrer gab es wenig Unterstützung. Mein Lateinlehrer sah den Grund meiner schlechten Leistungen darin, dass ich bereits mit 14 Jahren begonnen hatte zu rauchen. Er stellte mich ernsthaft vor die Wahl: das Qualmen aufgeben oder weiterhin schlechte Zensuren! So war das damals.

Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Ebenso auch die Anforderungen an den Lehrerberuf und damit auch das Verständnis von Unterricht. Viele Lehrer geben sich große Mühe, ihre Schüler individuell zu fördern. Dabei ist vor allem die Heterogenität der Klassen eine große Herausforderung. Der Lehrer von heute sieht nicht nur sein Fach, ist nicht mehr nur der reine Wissensvermittler, sondern wurde zum Lernberater und Coach befördert und hat alle seine Schüler mit ihren Stärken und Schwächen im Blick. Er fordert und fördert und schafft Lernszenarien, die zum Einüben von Kompetenzen – dazu gehört auch der Lernstoff – motivieren.

Nun zu der Förderung von Schülern durch Nachhilfe. Damit diese wirksam und effektiv gestaltet werden kann, bedarf es einer guten Vorbereitung. Dabei sollten Lehrer, Eltern, Schüler und auch die Nachhilfeeinrichtung an einem Strang ziehen. Idealerweise wird in einem Beratungsgespräch zunächst die Situation analysiert und der Nachhilfebedarf festgelegt, mit Blick nicht nur auf die Wissenslücken, sondern auch auf deren Ursachen (Fach, Lehrer, Lerntyp, Lernmaterial, Rahmenbedingungen). Dabei ist eine gute und einfühlsame Gesprächsmoderation grundlegend, denn schnell können gekränkte Eitelkeiten die Stimmung vermiesen. So manche Eltern, die natürlich immer das Beste für ihre Kinder wollen, schalten dann auf Großangriff: „Wie kann mein Kind bei Ihnen zwei Noten schlechter werden?!“, „Ihr Kollege machte das ganz anders!“, „Ihre Benotung ist total unfair!“

Wichtig erscheint mir hier, dass Sie ab und zu die Schüler- bzw. Elternbrille aufsetzen. Stellen Sie sich vor, Sie sind in deren Situation. Wie würden Sie mit dem Lehrer reden? Und auch die Eltern und Schüler sollten sich in Ihre Lehrerrolle versetzen. Wie handeln sie als Lehrer? Was sind ihre Vorstellungen und Grundsätze von Fachunterricht? Aber vor allem: Wie können Sie gemeinsam dem betroffenen Schüler helfen? Vermeiden Sie es, bei den Beratungsgesprächen nur defizitorientiert zu argumentieren. Blicken Sie gemeinsam auf die Ressourcen und Stärken.

Und wenn Sie dann den Schüler abgeben an einen außerschulischen Lernbegleiter, geben Sie die Fäden nicht aus der Hand, denn die Nachhilfe muss kompatibel mit Ihrem Fachunterricht sein. Dazu einige Hinweise:

  • Ihr Unterricht ist gut, doch manchmal verwenden die externen Lernhelfer Methoden und Materialien, mit denen die Schüler besser zurechtkommen.
  • Nachhilfe ist keine Hausaufgabenhilfe, sondern muss professionelle Lernunterstützung sein.
  • Nachhilfe darf kein Ersatz sein für eine fehlende individuelle Förderung in der Schule.
  • Auch sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sollten die Möglichkeit der individuellen Nachhilfe haben.
  • Eine schulinterne, kostenlose Förderinitiative, bei der sich auch Schüler als Nachhilfelehrer engagieren, ist evtl. sinnvoller als kostenintensive externe Nachhilfe.
  • Nachhilfe ist kein Allheilmittel. Daher sollte sie systematisch geplant, gut vorbereitet sowie immer wieder kritisch reflektiert werden.

Die meiste Nachhilfe wird übrigens im Fach Mathematik benötigt (61 %), gefolgt von Fremdsprachen (46 %) und Deutsch (31 %). Und noch ein Trend ist beobachtbar: Nicht alle Schüler, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, haben schlechte Noten. Etwa jeder Dritte soll bzw. will sich schulisch unbedingt verbessern.

Eines erscheint mir in diesem Zusammenhang wichtig: Kinder und Jugendliche dürfen Lernschwächen haben, die selbst durch intensive Nachhilfe nicht zu beheben sind. Sie – und ihre Eltern und Lehrer – sollten lernen, dies zu akzeptieren, und sich dann auf die Stärken der Kinder konzentrieren.

Übrigens habe ich damals weitergeraucht und ging mit einer schlechten Benotung aus dem Abitur. Den Zusammenhang habe ich allerdings bis heute nicht verstanden.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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