Kolumne

„Wer Kinder hat, ist reich!“

Das Armutsrisiko in Deutschland steigt. Es reicht hinein in unsere Schulen und Klassenzimmer und bedeutet für viele Lehrer eine große Herausforderung für ihr pädagogisches Handeln.
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Da stand er plötzlich neben mir, strahlte über das ganze Gesicht. „Sind Sie es wirklich?“ Ich schaute ihn überrascht an, denn dieser gut gekleidete und perfekt gestylte junge Mann war mir unbekannt. „Ich bin es, Ihr Sorgenkind: der faule Peter!“, sagte er mit leichtem Stolz in der Stimme.

Und plötzlich kam die Erinnerung an einen pubertierenden und bewusst provokativ und aggressiv auftretenden Schüler. Von zu Hause vernachlässigt, war er sich selbst überlassen. Unsere Prognosen waren angesichts der gescheiterten pädagogischen Bemühungen ehr negativ. Er sah meinen überraschten Gesichtsausdruck und schilderte mir seinen beruflichen und privaten Weg. Er war sichtlich stolz, dass er es durch Fleiß und Disziplin geschafft hatte, seinen Platz im Leben zu finden. Ich bin stolz auf Peter!

An den Türen der ehemaligen Kinderzimmer unserer bereits erwachsenen Töchter kleben immer noch die Karten mit der Aufschrift: „Wer Kinder hat, ist reich!“ Das war immer unsere feste Überzeugung als Eltern. Doch angesichts der Ergebnisse des regelmäßig erscheinenden deutschen Familienreports klingt dieser Satz – trotz der Doppeldeutigkeit – fast wie Hohn.

Die Zahl der Familien, in denen Kinder und Jugendliche von wirklicher Armut und von Bildungsdefiziten betroffen oder bedroht sind, steigt jährlich. Von den rund 13,3 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren gelten knapp 19 % als arm oder armutsgefährdet. Sie kommen meist aus einkommensschwachen Familien. Besonders gefährdet sind Kinder von Alleinerziehenden, aus kinderreichen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund.

Oft bleibt die Armut für die Eltern sowie die Kinder und Jugendlichen ein Dauerzustand, der verheerende Folgen für deren Bildungsweg hat. Der soziale Abstieg ist meist unaufhaltsam. Die sich aus der Armut und der Resignation ergebende Perspektivlosigkeit nehmen viele der betroffenen Kinder mit auf ihren weiteren Lebensweg.

Natürlich kann und wird diese große Ungerechtigkeit in unserem reichen Land von heute auf morgen nicht beseitigt werden können. Sonntagsreden sind angesichts dieser Situation wenig hilfreich. Wirklich helfen kann vielleicht ein durchdachtes und planvolles Engagement. Und hier sind besonders Erzieher und Lehrer gefragt. Der Familienreport weist auf eine frühkindliche Bildung und eine verlässliche Kinderbetreuung hin. Doch Hinweise alleine genügen nicht.

Der diesjährige Weltkindertag steht unter dem Motto „Kindern eine Stimme geben“. Ich kann als Lehrer durch meine verlässliche Unterstützung, durch die individuelle Förderung und Zuwendung die Persönlichkeit der Kinder stärken. Und ich kann ihnen durch mein unterrichtliches und schulisches Handeln eine besondere Form der Teilhabe ermöglichen. Das Gefühl, nicht ausgeschlossen zu werden, ist zwar nur ein Trostpflaster, denn es kann die Umstände nicht ändern. Aber es kann Mut machen und Perspektiven eröffnen.

Ich kann als Lehrer trotz der negativen Prognosen, die gerne prophezeit werden, Räume für Chancengleichheit eröffnen. Und wir können in unseren Schulen trotz der oft prekären Lebensumstände versuchen, den betroffenen Kindern und Jugendlichen etwas Stabilität und Normalität zu bieten. Dieses Hilfsangebot kann nur familienergänzend sein.

Dabei denke ich wieder an den Spruch an den Türen unserer Kinderzimmer und möchte ihn abwandeln in „Wer Kinder unterrichtet, wird bereichert“. Denn ich habe als Lehrer einen ganz besonderen Beruf, in dem ich helfen kann, dass Kinder und Jugendliche nicht in Resignation versinken, sondern Chancen sehen und ergreifen.

Arthur Thömmes

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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