Basics Referendariat

Aktives Hospitieren – wie geht das denn nun eigentlich?

Du kommst voller Tatendrang in die Schule … und wirst in die hinterste Reihe verbannt und sollst hospitieren. Eine Stunde ist noch ganz spannend und interessant, aber spätestens am zweiten oder dritten Tag fühlt man sich dann fast in die eigene Schulzeit zurückversetzt, allerdings ohne wirklich Aufgabe. Was soll das Ganze also? Unterrichten oder zumindest die Übernahme von kleinen Sequenzen wäre da schon etwas anderes. Mit dem Hospitieren soll das auch noch eine ganze Zeit so weitergehen, und dann gibt es auch noch die Hospitationsstunden im Seminar.
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Aber genau diese Stunden sind sinnvoll und extrem wichtig. In diesen Stunden kannst du vieles lernen. Allerdings reicht es dazu nicht aus, sich bloß in den Unterricht zu setzen und einfach nur zu schauen, was da so im Unterricht passiert. Dabei kommt wenig heraus und eignet sich höchstens für die erste Stunde, um die Klasse kennenzulernen.

Hier ein paar Ideen, wie du das aktive Zuhören gestalten kannst:

Lehrerbeobachtung

Diese Beobachtung sollte am Anfang stehen. Nimm dir dazu einen ganz bestimmten Aspekt heraus. Wie sieht der Aufbau der Stunde aus? Wie werden Arbeitsaufträge formuliert oder Arbeitsphasen beendet? Welche Art von Fragen werden den Schülerinnen und Schülern gestellt? Sind es Fragen, die eine reine Abfrage darstellen und auch nur eine einzige Antwort erwarten, oder handelt es sich dabei um Fragen, die offen sind und mehrere Antworten zulassen. Wie wird mit falschen oder unerwarteten Schülerantworten umgegangen. Wie werden richtige Schülerantworten aufgenommen? Gibt es eventuell einen Lieblingsausdruck, der oft genutzt wird?

Schülerbeobachtungen

Sehr interessant ist auch, wie die Schüler auf die jeweils gestellten Anweisungen reagieren. Daraus kann man erkennen, wie effektiv diese sind. Schülerbeobachtungen können sich auf die ganze Klasse beziehen, auf Schülergruppen oder einzelne Schüler. Hier kann man auch die andere Seite betrachten, d. h., wie reagieren die Lehrer auf bestimmtes Schülerverhalten.

Lehrer-Schüler-Interaktion

Obwohl bereits in den anderen beiden Bereichen schon angesprochen, spielt die Interaktion zwischen dem Lehrer und den Schülern eine sehr wichtige Rolle. Wie reagiert der Lehrer auf gewisse Verhaltensmuster der Schüler, wie z. B. auf Zwischenrufe? Und wie reagieren die Schüler auf Anweisungen, auf Androhungen, auf Sanktionen? Gibt es Rituale? Gibt es positives und vielleicht auch negatives Verhalten, das aus anderen Verhaltensmustern resultiert?

Bei Beobachtungen dieser Art ist eine hohe Aufmerksamkeit von großer Bedeutung. Dabei musst du dich wirklich auf die Punkte konzentrieren, die du dir vorgenommen hast. Du kannst dich dabei auch neben einzelne Schüler setzen. Frag aber bitte vorher die Schüler, ob ihnen dies recht ist. Dasselbe gilt, wenn du Einblick in Hefte oder andere Notizen nehmen möchtest. Ungefragt solltest du das nicht tun!

Auch Lehrer können zuweilen merkwürdig reagieren. Manche sind irritiert, wenn jemand bei ihnen in der Klasse sitzt und mitschreibt. Sie fühlen sich teilweise kontrolliert und teilweise bloßgestellt. Darum ist es am besten, hier vorher nachzufragen, ob es in Ordnung ist, wenn du Aufzeichnungen machst. Such auch nach den Stunden das Gespräch und stelle Fragen, ohne zu kritisieren. Selbst wenn du der Auffassung sein solltest, dass es etwas zu kritisieren gibt, befindest du dich nicht wirklich in der Position dazu. Außerdem denke immer daran, dass es einfacher ist, falsche Entscheidungen zu sehen, wenn man beobachtet, als sie zu vermeiden, wenn man verantwortlich für die Stunde ist.

Wichtig ist es, die Aufzeichnungen auszuwerten. Setz dich am Ende jeder Woche hin und schreibe auf, was dir positiv aufgefallen ist und was nicht so gut war. Denk auch daran, dass es nicht nur positive Stunden gibt. Lehrer geben nicht nur eine Stunde am Tag, sondern mehr als 20 Stunden in der Woche. Wenn du selber Stunden hältst, dann wird auch jemand bei dir hospitieren. Nutze dies. Solltest du nicht das Feedback bekommen, das du dir wünscht, frag nach, ob vielleicht genau auf die Bereiche geachtet werden kann, die dir besonders wichtig sind. Wenn du deine Hospitationen so planst, dann wirst du in jedem Fall davon profitieren können und daraus eine Menge mitnehmen.

Manon Sander hat als Lehrerin an Grund-, Haupt- und Realschulen unterrichtet. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität in Bielefeld und betreut dort die Lehramtsstudierenden im Praktikum. Frau Sander ist außerdem akademische Mitarbeiterin am Institut für Unterrichtsentwicklung an der Pädagogischen Hochschule. Die Mutter von sechs Kindern ist als Autorin für verschiedene Verlage und Magazine tätig.

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