Gespräche

Kollegiale Fallberatung – Hilfe zur Selbsthilfe

Das Lehrerdasein ist geprägt durch ein hohes Maß an Autonomie. Daher ist es wichtig, den Schulalltag mit den vielfältigen Erfahrungen im Kollegenkreis, in der Familie oder im Freundeskreis zu besprechen, um vor allem belastende Ereignisse im Gespräch zu verarbeiten. Mehr dazu im folgenden Beitrag.
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Um den pädagogischen Alltag zu reflektieren und Anregungen zur Problembewältigung zu erhalten, bieten sich auch professionelle Settings an. Eine sehr effektive Methode, bei der keine Hilfe von außen erforderlich ist, ist die „kollegiale Fallberatung“. Die Teilnehmer erhalten die Möglichkeit, in einer offenen und wertschätzenden Atmosphäre Themen zu artikulieren und sich gegenseitig zu beraten.

Die Gruppengröße sollte idealerweise zwischen fünf und zehn Personen liegen. Die Beratungsgruppe trifft sich regelmäßig bei möglichst geringer Fluktuation, um die Kontinuität der Beratungsarbeit zu gewährleisten.

Bei den Treffen gibt es unterschiedliche Rollen, die ständig wechseln:

Fallerzähler

Er erzählt einen persönlichen Fall aus seinem pädagogischen Alltag und formuliert eine Schlüsselfrage. Er sollte bereit sein, die Beratung anzunehmen, um weitere Handlungsperspektiven zu entwickeln.

Beispiele:

Eine Schülerin fällt immer wieder durch unkontrollierte Wutausbrüche auf. Wie sollte ich als Lehrer darauf reagieren?

Eine Mutter gibt mir die Schuld am Schulversagen ihres Sohnes. Wie kann ich als Klassenlehrerin angemessen mit den Betroffenen in ein Gespräch kommen?

Moderator

Er führt die Teilnehmer durch die verschiedenen Phasen und achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden und dass der Umgang fair und respektvoll bleibt.

Berater

Sie hören genau zu, was der Kollege berichtet, stellen Verständigungsfragen und versuchen, Lösungsmöglichkeiten und Ideen in die Beratung einfließen zu lassen.

Schritte der kollegialen Fallberatung

Die kollegiale Fallberatung ist als strukturiertes Gespräch nach Phasen gegliedert, die in dieser Abfolge eingehalten werden sollten. Bei einem ersten Treffen kann ein erfahrener Moderator in die Methode einführen, danach wird diese Rolle abwechselnd von den Gruppenmitgliedern übernommen.

  1. Organisatorisches: Wer leitet die Sitzung? Wer bringt ein Problem ein? Dabei geht es um Dringlichkeit und den exemplarischen Charakter für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer (TN).
  2. Fallbeschreibung: Ein TN berichtet von einem Problem und formuliert eine Schlüsselfrage. Das erleichtert die Klärung des Falls.
  3. Klärung: Zur Verdeutlichung des Problems können die Teilnehmer Verständnis- und Informationsfragen stellen. Diese werden kurz beantwortet und nicht diskutiert.
  4. Lösungsvorschläge: Die TN stellen ihre Ideen vor, wie das Problem gelöst werden könnte. Diese sollten nicht wertend sein, sodass eine Vielzahl von möglichen Lösungen zur Verfügung steht. Auch hierbei wird nicht diskutiert. Die Lösungsvorschläge können vom Moderator auf einem Flipchart festgehalten werden. Ein Perspektivenwechsel ist hierbei hilfreich. Dabei schlüpfen die TN in die Rollen beteiligter Personen und äußern sich in deren Sinn („Ich als Kollege ...“, „Ich als Schülerin ...“, „Ich als Schulleiter ...“).
  5. Lösungsbewertung: Der Fallgeber nimmt Stellung zu den Lösungsvorschlägen. Er gibt der Gruppe eine Rückmeldung, was für ihn hilfreich ist, und entscheidet sich für eine Möglichkeit
  6. Abschluss: Die TN berichten in einem Blitzlicht, wie es ihnen ergangen ist, wie zufrieden sie mit den Lösungsvorschlägen sind und was sie mitnehmen.

Pro Sitzung können etwa zwei bis drei Fälle besprochen werden.Die besprochenen Probleme können bei folgenden Sitzungen wieder aufgegriffen werden.

Hinweise

Verschiedene Grundhaltungen der Teilnehmer (Vertraulichkeit, Verschwiegenheit und Wertschätzung) sollten vor jedem Treffen neu angesprochen werden. Bei schwerwiegenden Konfliktsituationen kann ein externer Berater (z. B. Supervisor, Schulpsychologe) hinzugezogen werden.

Im Studienseminar sollten Referendare Eigeninitiative ergreifen und kollegiale Fallberatungen anbieten. Die folgenden Ziele können bei einer kollegialen Fallberatung angestrebt werden:

  • Eingefahrene pädagogische Denk- und Handlungsmuster werden überwunden.
  • Die Kommunikation und Kooperation im Kollegium wird gefördert.
  • Die Problemlösungskompetenz wird gestärkt.
  • Es geht darum, sich selbst immer wieder für den Schulalltag neu zu motivieren und zu begeistern.
  • Der Rat ist für den Fallgeber nicht verbindlich, er kann sich nehmen, was er braucht.

Arthur Thömmes ist seit über 30 Jahren als Lehrer tätig und arbeitet als Fachleiter in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

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