Gespräche

Burn-out schon im Referendariat

Was Sie vorbeugend dagegen tun können

Untersuchungen haben ergeben, dass jeder 5. Lehrer Gefahr läuft, an Burn-out zu erkranken. Überraschend ist, dass bereits Referendare an erkennbaren Syndromen leiden und glauben, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. In der Tat ist die Arbeitsbelastung beträchtlich, sodass rund zwei Drittel der angehenden Lehrer ihr zukünftiges Berufsfeld als Härtetest erleben.
Fotolia 101727896 XS stockpics - Fotolia

Erkennungsmerkmale

Erste Anzeichen sind Unwohlsein, Anspannung, das Gefühl der Überforderung, Vernachlässigung eigener Bedürfnisse und erhöhter Konsum von Kaffee, Nikotin oder Alkohol.

Im weiteren Verlauf werden Konflikte verdrängt und Probleme verleugnet. Die Unzufriedenheit nimmt zu, und die Betroffenen empfinden Erfolglosigkeit. Nicht selten treten körperliche Symptome wie Migräne und Schlaflosigkeit auf.

Bei fortschreitender Erkrankung entsteht ein Gefühl der Sinnlosigkeit, der emotionalen Gleichgültigkeit und letztlich folgen soziale Isolation und innere Selbstaufgabe. Bei völliger Burn-out-Erschöpfung kommt es zu Depressionen und Schädigung des Immunsystems.

Hauptursachen

Enttäuschte Erwartungen resultieren daraus, dass Lehrer kaum positive Rückmeldungen für ihre Tätigkeit erhalten. Gerade Berufsanfänger investieren viel Energie in Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts. Einem hohen Aufwand steht gefühlt kein adäquater Ertrag gegenüber.

Geringe Gestaltungsmöglichkeiten im ritualisierten Schulalltag: Die 45-Minuten-Taktung, die verfassten Notenskalen, die curricularen Vorgaben, die Modalitäten des Unterrichtens können den Idealismus gerade bei Newcomern ausbremsen.

Dass Teamarbeit insbesondere Lehreranwärtern mehr Sicherheit bei der Bewältigung der neuen Aufgaben bietet, ist eine Binsenweisheit. Der Lehreranwärter bekommt zu wenig professionelle Begleitung und Rückmeldung über seinen Unterricht. Glücklich können sich die Anwärter schätzen, die nicht allein an einer Schule sind und sich gegenseitig stützen können.

Abschalten bzw. Arbeiten und Freizeit voneinander zu trennen fällt vielen Lehrern schwer.

Unzureichende berufliche Eignung kann ein vorübergehendes subjektives Empfinden sein, kann aber auch der Realität entsprechen. Oft geht der Wechsel von der Hochschule in den Schulalltag mit einem Praxisschock einher, und manch einer weiß nicht, was auf ihn zukommt. Bei andauernden Misserfolgen anzuerkennen, dass die eigenen Voraussetzungen nicht ausreichen, führt – wenn der Cut nicht vollzogen wird – unweigerlich zu Folgeerkrankungen. Hier sind Schulleitungen und Dezernenten gefordert, ihrer Fürsorge- und Beratungspflicht nachzukommen.

Allerdings ist das Gefühl der unzureichenden Eignung häufig nur eine temporäre Einschätzung und oft der geringen beruflichen Erfahrung geschuldet.

Was tun?

Falls die oben beschriebenen Symptome und Beschwerden im Zusammenhang mit Burn-out auftreten und individuelle oder schulische Präventionsmaßnahmen versäumt wurden oder erfolglos blieben, ist eine medizinische Behandlung geboten.

Fachärzte raten in einer relativ frühen Phase der Erkrankung zu ausgedehnten Erholungsphasen. Ziel ist, die Balance zwischen beruflicher Belastung und Entspannung zu finden.

Bei starken psychischen Beeinträchtigungen kann eine stationäre Behandlung und Therapie notwendig sein.

Entlastungsstrategien/Prophylaxe

Die Monate des Referendariats sind für viele durch Überlastung, Unsicherheit und Stress gekennzeichnet. Dem sollte man entgegenwirken. Für Entspannung sorgen Autogenes Training, Meditation, Yoga und nicht zuletzt Bewegung.

  • Vorbeugend raten Mediziner und Psychologen zu einer strikten Trennung von Arbeit und Freizeit. Für Berufsanfänger wie für erfahrene Lehrer ist es ungesund, das Privatleben komplett der schulischen Arbeit zu opfern.
  • Als Referendar unterliegt man oft unrealistischen Ansprüchen. Versuchen Sie nicht, perfekt und fehlerfrei zu sein.
  • Hilfreich ist es, die eigenen Stärken und Ressourcen zu kennen, darüber zu reflektieren und folglich authentisch handeln zu können. Angebote zur Supervision und Coaching werden noch viel zu selten genutzt.
  • Dialogische Kommunikation mit „Gleichgesinnten“ führt zu Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber seelischen Belastungen, zu mehr Selbstwertgefühl und einer positiven Grundhaltung.

Tipp

Schüler arbeiten lassen und weniger reden! Unterrichtsbeobachtungen belegen, dass insbesondere bei Referendaren die Lehreraktivität im Unterricht ungleich höher als die Schüleraktivität ist. Bei einer auf selbstständiges Lernen ausgerichteten Unterrichtsvorbereitung, die grundsätzlich zuerst Einzelarbeit, dann Partner-/Gruppenarbeit und schließlich Plenumsanteile vorsieht, kann der energetische Aufwand des Lehrers vermindert werden. Dazu bedarf es u. a. klarer Arbeitsanweisungen zu Beginn des Unterrichts und eine Ziel- und Verlaufsplanung, die wie ein „Fahrplan“ der Klasse präsentiert wird.

Günther Hoppe verfügt über langjährige Erfahrungen als Lehrer, Schulleiter und Regierungsschuldirektor. Während seiner Dienstzeit lagen seine Arbeitsschwerpunkte vor allem in den Bereichen externe Evaluation, Qualitätssicherung und -entwicklung für Schulen. Zudem konnte Günther Hoppe zusätzliche Qualifikationen als EFQM-Assessor erwerben und war in der Qualifizierung neuer Schulleiterinnen und Schulleiter beschäftigt.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: