Unterricht

Faire Beurteilung – transparente Notengebung

Beurteilungen sind immer eine sehr schwierige Sache. Denn der Lehrende ist gleichzeitig auch der Bewertende. Das heißt auf der einen Seite, dass sie genau die Schwierigkeiten und die Probleme kennen, die beim Schüler vorhanden sind, bis er dies Ziel erreichen konnte. Darin liegt einerseits die Gefahr, einen Schüler nur aufgrund seines Werteganges einstufen, andererseits, ihn wegen seines Verhaltens zu benoten.
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Beurteilungen nicht auf Zensuren reduzieren

Man kann es sich ganz leicht machen und einfach aus drei oder vier schriftlich erworbenen Zensuren ein Mittel bilden, die mündliche Note weitestgehend anpassen und dann daraus die Endzensur für das Zeugnis erstellen. Dies Verfahren ist leider immer noch gängig, aber eben nicht besonders hilfreich. Eine Beurteilung umfasst mehr. Jeder Lehrer sollte sich immer wieder ein Bild von seinen Schülern machen. Dies Bild sollte nicht auf einzelne Zensuren beschränkt werden. Hier sollte der Stand jedes einzelnen Schülers dokumentiert und dann anschließend mit dem wirklichen Stand verglichen werden.

Beobachtungen verschriftlichen

Es gibt viele Arten, sich Aufzeichnungen zu machen. Zensuren können eine Möglichkeit sein, Listen oder auch Kompetenzraster. Allerdings bieten diese oft zu wenig individuelle Möglichkeiten. Viel besser ist es, den wirklichen Fortschritt jedes einzelnen Kindes individuell zu verschriftlichen. Daraus können dann im Anschluss Zensuren gebildet oder die Informationen in ein Kompetenzraster übertragen werden. Gerade im Fach Deutsch kann die Schere jedes Einzelnen so weit auseinandergehen, dass die Reduzierung auf eine Zensur einem Schüler auf keinen Fall gerecht werden kann.

Beispiel: Ein Schüler hat große Probleme beim Schreiben und Lesen, sein Sprachschatz ist jedoch sehr umfangreich. Außerdem ist es ihm möglich, auswendig gelernte Texte sowie Vorgänge und Erlebtes sehr gut und mit der richtigen Betonung wiederzugeben. So etwas lässt sich in schriftlichen Form gut formulieren – in einer Zensur gibt es keine Möglichkeit dazu.

Grundlage für Gespräche

Egal, nach welchem System Sie beurteilen, ob mit oder ohne Zensur, Eltern und Schüler haben das Recht nachzufragen, welcher Zensur ihr Leistungsstand denn nun entspricht. Dabei ist es gut, mithilfe der schriftlichten Beurteilung zunächst einmal Stärken und Schwächen herausarbeiten zu können. Wenn diese immer wieder überarbeitet werden, lassen sich auch individuelle Fortschritte gut darstellen, aus denen sich die Empfehlungen dann herleiten lassen. Unabhängig von den regulären Elternsprechtagen muss die Möglichkeit zu einem Gespräch bestehen. Je kleinschrittiger dies vorbereitet wird, desto einfacher kann ein solches Gespräch geführt werden.

Keine Diskussionen im Klassenverband

Transparenz in den Beurteilungen gilt für jeden einzelnen Schüler, jedoch keinesfalls im Klassenverband. Transparenz in Form von gegenseitiger Vergleichbarkeit ist unbedingt zu unterlassen. Unabhängig davon, dass es aus Datenschutzgründen sowieso nicht mehr zulässig ist, Zensuren laut in der Klasse bekannt zu geben, sollte auch darauf verzichtet werden, jeden Schüler kurz nach vorne zu rufen, um ihm seine mündliche Zensur mitzuteilen. Das stiftet nur Unruhe und Unfrieden in der Klasse. Stattdessen bietet sich ein Schülersprechtag an. An einem solchen Tag wird jedem Schüler die Möglichkeit gegeben, sich mit einzelnen Lehrern zusammenzusetzen und gemeinsam mit ihnen über die persönliche Lernsituation zu sprechen.

Gute Kommunikation kann Leistungen verbessern

Es ist für Schüler nicht immer einfach zu verstehen, was sie besser machen können. Aus diesem Grund sind Tipps und Vorschläge, direkt an den Schüler auf eine freundliche Art und Weise vermittelt, eine gute Möglichkeit. Auch das darf nicht vor der Klasse passieren und sollte immer mit einem positiven Ausblick verknüpft werden. Denn positive Erwartungen übertragen sich, erleichtern oft das Lernen und schaffen auf Dauer auch eine positive Einstellung zum Fach.

Suchen Sie das Gespräch mit Kollegen

Jeder beurteilt anders. Trotzdem ist es ganz hilfreich, mit Kollegen über Beurteilungen ins Gespräch zu kommen. Beurteilen Sie richtig und fair. Haben Sie etwas übersehen, auf das Sie unbedingt achten müssen, und haben Ihre Kollegen vielleicht noch Tricks und Kniffe für Sie, die Sie umsetzen können? Das alles können Sie nur in Gesprächen erfahren. Vielleicht gibt ein Kollege Ihnen auch einmal Einblick in seine persönliche Art, zu benoten. Ob Sie dies übernehmen, ist letztendlich Ihre Sache, aber es lohnt sich immer, andere Meinungen und Arbeitsweisen miteinander zu vergleichen. 

Manon Sander hat als Lehrerin an Grund-, Haupt- und Realschulen unterrichtet. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität in Bielefeld und betreut dort die Lehramtsstudierenden im Praktikum. Frau Sander ist außerdem akademische Mitarbeiterin am Institut für Unterrichtsentwicklung an der Pädagogischen Hochschule. Die Mutter von sechs Kindern ist als Autorin für verschiedene Verlage und Magazine tätig.

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